Cobra-Chef zu Doppelmord: Eher Tat im Affekt

Die intensive Suche nach dem Doppelmörder von Stiwoll ist auch am Donnerstag fortgesetzt worden - ein Polizist wurde schwer verletzt. Und: Laut neuen Erkenntnissen der Profiler soll der Verdächtige eher im Affekt gehandelt haben.

Noch gibt es keine Spur von dem 66-jährigen Verdächtigen. Die Suche der Polizei bleibt nach wie vor intensiv - mittlerweile wurde die Wiener Sondereinheit WEGA hinzugezogen. In Stiwoll herrschten auch am vierten Tag der Suche Ausnahmezustand und Angst.

Polizist bei Suche schwer verletzt

Am Donnerstagnachmittag ist auch ein Polizist bei der Suche nach dem mutmaßlichen Todesschützen schwer verletzt worden. Der Diensthundeführer hatte mit Kollegen noch einmal die Scheune durchsucht, von der aus der 66-Jährige am Sonntag zwei Nachbarn erschossen und eine weitere Frau schwer verletzt hatte. Dabei stürzte er durch eine verdeckte Heuluke und zog sich eine Fraktur zu. Er wurde von einem ÖAMTC-Rettungshubschrauber in ein Grazer Krankenhaus geflogen, bestätigte Polizei-Sprecher Jürgen Haas. Sein Hund blieb unverletzt.

Treibenreif: Gesuchter vermutlich noch in Region

Donnerstagvormittag gab es eine Veranstaltung des Kriseninterventionsteams (KIT), um die örtliche Bevölkerung zu unterstützen - mehr dazu in Doppelmord: Stiwoll im Ausnahmezustand. Mittags stellte sich dann der Chef der Spezialeinheit Cobra, Generalmajor Bernhard Treibenreif, den Fragen der Presse.

Bernhard Treibenreif
APA/Herbert Neubauer

Er gehe davon aus, dass sich der Gesuchte noch in der Gegend um Stiwoll aufhält: „Es ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass er hier ist - vielleicht auch in der weiteren Umgebung, weil der Auffindungsort des Fahrzeuges hier ist.“ Am Montag hatte die Polizei das Fluchtfahrzeug sichergestellt: Der Kleinbus war in einem Waldstück in Södingberg - in unmittelbarer Umgebung des Tatorts - gefunden worden - mehr dazu in Doppelmord: Suche nach Täter weiter ohne Erfolg.

Ein Lager, das sich der Mann in den Wäldern rund um Stiwoll errichtet hat, sei nicht auszuschließen. Aufgrund der Ergebnisse gehe man davon aus, dass er die Tat nicht genau geplant habe: Hinweise auf vorbereitete Verstecke wurden weder auf seinem Gehöft noch am Tatort oder in seinem Kleinbus gefunden - kein Schanzwerkzeug, keine Lebensmittel, Zeltplanen oder Ähnliches.

Leichenspürhunde, die für den Fall, dass der mutmaßliche Todesschütze Suizid verübt haben könnte, eingesetzt worden waren, blieben bis jetzt erfolglos - ebenso Wärmebildkameras. Zu orten sei der Mann ebenfalls nicht gewesen: „Sein Handy lag bei ihm zuhause, auch hat er mit niemandem Kontakt aufgenommen“, erklärte der Generalmajor.

Wie oder ob der Mann bewaffnet sei, könne man nicht genau sagen, er dürfte aber das Gewehr seiner Frau, eine Kleinkaliberwaffe vom Kaliber .22 lfB (lang für Büchsen, entspricht einer 5,6 mm Patrone, Anm.) bei sich haben. Dieses Kaliber wird in der Jagd auf Kleinwild wie etwa Hasen verwendet.

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Viele fragen sich seit Tagen, was hinter dieser Wahnsinnstat von Stiwoll steckt. Helmut Schöffmann hat sich die Vorgeschichte und die Hintergründe näher angeschaut.

„Könnte eine eruptive Tat sein“

„Unsere Profiler haben mir gesagt, dass die Tat nicht so akribisch vorbereitet war. Es könnte eine ad hoc-Tat, eine eruptive Tat sein, das würde dafür sprechen, dass keine Fluchthelfer im Spiel sind; aber auch das schließen wir nicht aus. Wir gehen derzeit noch davon aus, dass wir hier in der Region fündig werden können“, so Treibenreif.

Dabei handle es sich um ausgesprochen schwieriges Gelände, das teils Mittelgebirgscharakter aufweise - Wälder, steile Waldberge, Gräben, tiefe Einschnitte und Bachläufe - und: „Ein Polizist hat mit Helm, Schutzweste, Sturmgewehr, Pistole und Ausrüstung an die 20 Kilogramm zu tragen. Unsere Leute müssen außerdem sehr vorsichtig vorgehen“, sagte Treibenreif, der auch auf winterliche Wetterverhältnisse aufmerksam machte.

Der gesuchte Täter
Polizei
Der gesuchte Mann

Weltweite Fahndung

Man fahnde international nach dem 66-Jährigen, so der Cobra-Chef: „Daneben wurde bundesländerübergreifend die Fahndung ausgeschrieben, die internationale Fahndung eingeleitet. Kontaktadressen im Ausland werden bereits kontaktiert.“ Am Donnerstag verdichteten sich auch die Hinweise, dass sich der mutmaßliche Doppelmörder von Stiwoll in Niederösterreich aufhält oder aufgehalten hat - mehr dazu in Stiwoll-Täter in Tulln gesichtet.

Vier Schwerpunkte

Bei der Suche nach dem Mann fokussiere man sich auf vier Schwerpunkte: Die Tatortarbeit mit Spurensicherung, die bereits weitgehend abgeschlossen sei; der Schutz von sogenannten Gelegenheitspersonen, mit denen der Gesuchte Streit hatte, die Suche ausgehend von seinem in einem Wald bei Södingberg zurückgelassenen Kleinbus - der Van soll vom Täter auf einem Waldweg abgestellt worden und nicht hängengeblieben sein - sowie die Durchsuchung von Objekten, auf die man durch Ermittlungen und Hinweisen gekommen sei.

Auf Spekulationen wollte sich Treibenreif nicht einlassen: „Es kann weder ausgeschlossen werden, dass er noch am Leben ist, noch, dass er sich das Leben genommen hat. Es kann natürlich auch sein, dass er sich selber etwas angetan hat in der Gegend. Oder aber, wenn er lebt, dann müsste ihm die Versorgung irgendwann einmal ausgehen.“

Mehr als 50 Objekte durchsucht

Mehr als 50 Objekte haben die Cobra-Beamten mittlerweile durchsucht, darunter aufgelassene Almhütten aber auch Bienenhütten, denn der Gesuchte ist Imker. Die Suche sei alles andere als einfach, so Treibenreif: „Das ist nicht so einfach, es ist ein hügeliges und teilweise bergiges Gelände. Es ist kein Spaziergang durch den Wald, es gehen die Kräfte mit schwerer Schutzausrüstung, um sich auch vor einem möglichen Angriff zu schützen.“

Am Mittwoch wurde auch ein unterirdisches Stollensystem durchsucht - mehr dazu in Doppelmord: Cobra durchsuchte Stollensystem. Doch auch dort war die Suche ergebnislos.

Karte zeigt Tatort und Fundort des Fluchtautos
Grafik: Omniscale/OSM/ORF.at

Entscheidung über Art der Suche in ein, zwei Tagen

Die Suche rund um Stiwoll werde bis auf weiteres fortgesetzt, sagte Treibenreif: „Wir sind sind in der Lage, dass wir die Suche über einen langen Zeitraum ausdehnen können. Die Frage, die sich aber für uns in den nächsten ein, zwei Tagen stellen wird, wenn wir alles durchsucht haben, sämtliche Sektoren und Gelegenheitsobjekte, ob es dann Sinn macht, weiter Suchketten zu machen, oder, ob wir unseren Schwerpunkt in Richtung Fahndung, der Ermittlung und der Aufrechterhaltung des Schutzes von Gelegenheitspersonen setzen werden.“ Die Volksschule und der Kindergarten sollen nächste Woche wieder geöffnet werden.

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