Gute Nacht zu unseren digitalen Spuren

Egal, ob auf Festplatten, in unseren E-Mails, auf Facebook, Twitter oder Instagram: Überall hinterlassen wir unsere digitalen Spuren. Die Installation „Good Night Sweetheart“ des Grazer Medienkunstlabors esc balsamiert sie ein.

So vielfältig, so bunt, so komplex die moderne Welt auch zu sein scheint - immer größere Bereiche unseres Alltags bestehen eigentlich nur mehr aus Nullen und Einsen: Die Welt wurde digital, und mit ihr wir auch.

Sendungshinweis:

„Der Tag in der Steiermark“, 20.3.2017

Geht es nach Reni Hofmüller vom Grazer Medienkunstlabor esc, sind wir zu digitalen Jägern und Sammlern geworden: „Wenn die Maschinen-Festplatten der Menschen voll sind, kaufen sie einfach neue, anstatt sich von den Daten, die sie vielleicht nicht mehr brauchen, zu verabschieden. Da haben wir so eine gewisse Sammelgewohnheit entwickelt“, erklärt sie.

Verwehrtes Vergessen und verlorene Kontrolle

Wenn es aber darum geht zu vergessen, müssen wir einsehen, „dass es nicht mehr funktioniert. Wir müssen davon ausgehen, dass in irgendeiner Art und Weise eine Kopie dieser Daten vorhanden ist - weil wir es jemandem per Mail geschickt haben, es auf einer Website hatten, in diese sogenannte Cloud gestellt haben - und damit sind Kopien da, von denen wir nicht wissen, was damit passiert ist“, wirft Hofmüller auf.

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Überall hinterlassen wir unseren digitalen Fußabdruck - und verlieren immer mehr die Kontrolle über unsere Daten

Die Kontrolle ist also verloren. Mit dem Gedanken, wenigstens einen Teil davon zurückzuerlangen, spielt die Installation „Goodnight Sweetheart“ der kanadischen Medienkünstlerin Audrey Samson im esc in der Grazer Bürgergasse, „indem man Geräte sieht, die in gelblich schimmerndem Harz in würfelartigen Objekten eingegossen sind, die man nur mehr als Dinge betrachten kann - aber deren Daten nicht mehr greifbar sind“. Dabei finden sich Computerfestplatten, USB-Sticks, DVDs, ein Mobiltelefon, aber auch eine alte Tonbandkassette.

„Goodnight Sweetheart“

Die Installation „Goodnight Sweetheart“ ist bis Ende April im Grazer Medienlabor esc zu sehen.

Technische Mumien

„Diese Installation ist ein ironischer und irgendwie liebevoller Versuch zu sagen: Wir können die Daten nicht löschen. Aber wir können versuchen, sie unzugänglich machen, indem wir sie in eine andere Art von Objekt transferieren“, so Hofmüller.

Auch in Harz gefangen und von der Decke des esc baumelnd werden die Daten auf welchem Medium auch immer vielleicht beschädigt - aber nicht zur Gänze zerstört, betont Reni Hofmüller: „Die Daten sind ja auf den Geräten drauf, aber man kommt nicht mehr hin. Man könnte also sagen, es ist tatsächlich ein Einbalsamierungsservice, ein bisschen wie bei einer Mumie, bei der man die DNA sehr wohl noch rausbekommen kann - aber man kann den Menschen nicht wiederbeleben.“

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