Glücksbringer: Zwischen Tradition und Patchwork

Sie gehören zum Jahreswechsel wie der Donauwalzer oder das Neujahrskonzert: die Glücksbringer. Doch welche Symbole für Glück im neuen Jahr verschenken die Steirer traditionell? Die Antwort darauf ist überraschend.

Sendungshinweis:

„Guten Morgen, Steiermark“, 31.12.2017

Die Tradition des Glückbringer-Schenkens, wie wir sie heute kennen, ist gar nicht so alt, wie man glauben mag: Das klassische Prozedere – Silvesternacht feiern, auf Mitternacht warten und Glücksbringer verschenken – stammt ursprünglich aus dem bürgerlich-städtischen Raum. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hielt dieser Brauch in den ländlichen und bäuerlichen Gebieten Einzug und wurde somit in weiten Teilen der Steiermark populär - und das gilt nicht nur für die Steiermark, sondern für ganz Österreich.

Glücksbringer
APA/Hans Punz
Porträt Roswitha Orac-Stipperger, Chefkuratorin Volkskundemuseum Joanneum
Privat
Natürlich gibt es in der Steiermark mittlerweile einige Klassiker unter den Glücksbringern. Roswitha Orač-Stipperger erklärt ihre Bedeutung

Doch was hat es mit den Glücksbringern und ihrer Symbolwirkung auf sich? Und wie bereiteten sich die Menschen außerhalb der großen Städte auf den Jahreswechsel vor?

Orakel statt Glücksbringer

Die Zeit um den 1. Jänner ist eine Umbruchszeit: Ein altes Jahr geht zu Ende, ein neues beginnt, und man weiß nicht so genau, was es mit sich bringen wird. Die Menschen in den ländlichen Gebieten versuchten daher seit jeher, mit Orakeln in die Zukunft zu blicken. „Man hat alles gedeutet“, sagt Roswitha Orač-Stipperger, die Chefkuratorin des Volkskundemuseums in Graz - sie beschäftigt sich unter anderem mit den Bräuchen und Traditionen rund um Neujahr. Egal, ob Eisblumen am Fenster, die erste Person, die im neuen Jahr über die Türschwelle tritt oder Barbarazweige - alles wurde als Zeichen gesehen.

Warum gerade Barbarazweige, die mit dem Jahreswechsel eigentlich gar nichts mehr zu tun haben? „Gerade im bäuerlichen Bereich waren die Orakelnächte auf die Vorweihnachtszeit aufgeteilt. Um Silvester war dann eher nicht mehr so viel los. Die Andreasnacht am 30. November und die Thomasnacht am 21. Dezember waren die spannenden Orakeltermine“, erläutert Orač-Stipperger - demgemäß hatten auch die blühenden Barbarazweige mit der Aussicht auf eine Heirat Auswirkungen auf das neue Jahr.

Glücksklee

Beim vierblättrigen Kleeblatt spielt die Seltenheit eine Rolle - wer es in der Natur findet, gilt als Glückspilz. Eine andere Herleitung bezieht sich auf den heiligen Patrick, der das Kreuz mit dem vierblättrigen Kleeblatt in Verbindung brachte. Eine weitere beliebte Legende ist, dass Eva ein solches Blatt aus dem Paradies mitgenommen haben soll.

Hüte und Pantoffeln als Zukunftsdeuter

In diesen Orakelnächten seien die Hausleute zusammengekommen, um gesellige Spiele wie das „Hütelheben“ zu spielen, sagt die Volkskunde-Expertin: Dabei wurden unter sieben Hüten verschiedene Symbole versteckt. „Einer ging hinaus, man hat die Hüte gemischt, und dann musste einer gezogen werden“ erklärt Orač-Stipperger.

Die Symbole seien dann ein aussagekräftiges Zeichen gewesen: ein Medizinfläschchen für Krankheit, ein Schlüssel für Arrest, ein Püppchen für Geburt oder eine Brotrinde für Hungersnot. Das „Hütelheben“ war so etwas wie das bäuerliche Pendant zum bürgerlichen Wachs- oder Bleigießen.

Bleigießen Silvester
Pixabay

Fliegenpilz

Der Pilz hat eine magische Komponente. Früher wurde er für zauberische Rituale verwendet. In kleinen Mengen hat er eine halluzinogene Wirkung, und dieses In-Trance-Sein spielt in einigen abergläubischen Ritualen eine Rolle. Die praktische Anwendung des Fliegenpilzes beim Schwammerlsuchen besagt, dass ein Fliegenpilz ein Indikator für viele andere Pilze in der Nähe sein soll.

Ein anderer Brauch auf dem Lande war das Pantoffelwerfen: Dieser war vor allem für die bäuerlichen Dienstboten wichtig. Mit dem Jahresende mussten Knechte und Mägde oft ihre Dienstorte wechseln, und um zu wissen, ob ihnen ein solcher Wechsel bevorstand, setzten sie sich mit dem Rücken zur Tür. Dann wurde der Pantoffel aus der Hand oder vom Fuß aus nach hinten geworfen. Wenn der Pantoffel – wieder am Boden – mit der Spitze zur Tür zeigte, war das ein Zeichen, das Haus verlassen zu müssen; für die Bauersfamilie konnte das allerdings auch Heirat oder Tod bedeuten.

Neujahr abhängig von Kalenderreformen

Für das Neujahrsdatum spielen die Kalenderreformen eine wichtige Rolle: So wurde Neujahr zuerst am 6. Jänner, dann zwölf Tage früher am 25. Dezember gefeiert - diese Periode ist auch die Zeit der Raunächte. Den 1. Jänner als einheitliches Datum für den Jahresbeginn legte Papst Innozenz XII. im Jahr 1691 fest. Danach sei das Silvesterfeiern im bürgerlich-städtischen Umfeld langsam in Mode gekommen, bis sich die Neujahrsbräuche im 19. Jahrhundert schließlich immer mehr auf ein konkretes Datum konzentrierten, sagt Roswitha Orač-Stipperger.

Glücksbringer Fliegenpilz Klee Marienkäfer
APA/Barbara Gindl

Rauchfangkehrer

Der Rauchfangkehrer war der Sicherheitsgarant im ländlichen Bereich. Bei offenem Feuer, einfachen Kaminsystemen und strohgedeckten Häusern war die Brandgefahr groß - wenn der Rauchfang verstopft war, breitete sich Rauch im Wohnbereich aus, man konnte nicht heizen oder kochen. Zu Neujahr ging der Rauchfangkehrer von Haus zu Haus, um nochmals die Kamine zu kehren und seine Entlohnung abzuholen. Der Rauchfangkehrer wurde damit zum Symbol für Sicherheit und Schutz vor Feuersbrunst.

Ein ländlicher Brauch, der sich schon längere Zeit nachvollziehen lässt und an den 1. Jänner gebunden ist, ist das Böllerschießen: „Was sich jetzt in Pyrotechnik-Geknalle äußert, ist im ländlichen Bereich ein simples Neujahr-Anschießen gewesen“, so Orač-Stipperger - es wurde also am Neujahrstag geschossen, aber nicht zwingend um Mitternacht, wie das heute üblich ist.

Wirkung nicht nur zu Neujahr

Das Schenken von Glücksbringern und Schutzsymbolen gebe es bereits länger, allerdings nicht zwingend zu Neujahr. Vor allem in Anfangs- oder Übergangssituationen seien solche Gegenstände beliebt gewesen – zum Beispiel vor Jagdunternehmen oder Reisen, führt Orač-Stipperger weiter aus; dazu kommt, dass die Wirkung von Glücksklee und weiteren Symbolen nicht auf den 1. Jänner beschränkt sein soll: Wer während des Jahres ein Hufeisen oder ein vierblättriges Kleeblatt findet, der soll ja trotzdem Glück haben.

Hufeisen

Um das Hufeisen ranken sich viele Legenden. Eine davon reicht ins alte Ägypten und besagt, dass die Pferde des Pharaos mit Gold beschlagen worden sein sollen - diese These ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, da Gold ein weiches Metall ist, das Hufeisen aber ein harter Schutz für den Pferdefuß sein sollte. Von den goldenen Hufeisen wird jedoch abgeleitet, dass dieser wertvolle Fund Glück bringen soll.

Die Konzentration auf Silvester und Neujahr komme eben aus dem Bürgerlichen und habe sich später von der Stadt auf das Land ausgebreitet. Heute denke man vorrangig am Neujahrstag an die positive Wirkung von Glücksbringern, meint die Volkskunde-Expertin.

Der Wunsch nach Ritualen

In der volkskundlichen Forschung dürfe man nicht nur auf den Akt des Schenkens alleine achten. „Gibt man Glücksbringer weiter, weil es ein gesellschaftliches Muss ist, und was mache ich, wenn ich einen bekomme? Habe ich das Gefühl, dass mir etwas abgeht, wenn ich den Glücksbringer nicht habe?“, stellt Orač-Stipperger Fragen in den Raum. Es gehe vor allem um den Wert, den der Beschenkte einem Glasschweinchen, einem Plastikkleeblatt oder einer Schokolade-Münze beimesse.

Glücksbringer für Silvester
ORF

Schwein

Das Schwein gilt als Glücksbringer, weil es mit seinem Rüssel immer nach vorne gräbt. Wer einen Schweinsrüssel oder einen Schweinsbraten am Neujahrstag isst, soll also Glück und Erfolg haben.

Die große Frage sei, warum sich die Menschen an solche Glückssymbole halten: „Mir kommt vor, dass es ein gesteigertes Bedürfnis nach Ritualen für alle Lebenslagen gibt. Seit dem 21. Jahrhundert ist das wieder recht intensiv“, sagt die Chefkuratorin. Das liege einerseits an der Alltagsmagie, die bei den Glücksbringern mitschwinge und andererseits an der Vorstellung, dass der Mensch gewisse Schutzobjekte brauche.

Patchworkkultur im Trend

Sie könne zwei Strömungen erkennen: „Manche glauben, sie müssen alte Bräuche hüten bis zum Abwinken, ohne darauf zu achten, ob die Rahmenbedingungen überhaupt noch passen. Und andere, denen Traditionen weniger bewusst sind oder die Traditionen vielleicht sogar ein bisschen ablehnen“, so Orač-Stipperger.

Linsen

Die vielen kleinen Linsen stehen für viele Münzen und sollen Reichtum bringen. Auch der Fisch ist aufgrund seiner Menge an Schuppen ein beliebtes Gericht und soll Geld ins Haus bringen.

Spannend sei, dass sich auch die zweite Gruppe eigene Rituale schaffe - teilweise bewusst, teilweise unbewusst würde aus verschiedenen anderen Kulturen oder Religionen Symbolisches aufgenommen und zusammengemischt, was einen gerade anspreche: „So ein bisschen Patchworkkultur halt“, meint die Volkskundeforscherin.

Glücksbringer
ORF

Glück ohne viel Hinterfragen

So sei es beispielsweise durchaus üblich, dass mittlerweile auch Glücksbringer aus der indischen, japanischen oder chinesischen Kultur an diversen Neujahrständen verkauft würden: „Die sind uns weder von ihrer Geschichte noch von ihrer Wirkung her bekannt, werden aber teilweise ohne viel Hinterfragen gekauft“, sagt Orač-Stipperger.

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