„Das Schönste ist, man bekommt selbst etwas"

Rund um den Jahreswechsel wandern sie mit ihren bunten Gewändern durch die Straßen: die Sternsinger. Aber nicht alle gehen zu Fuß: Im Rohrmooser Schnee kommen Caspar, Melchior und Balthasar mit dem Schlitten.

Rohrmoos, Hochwurzenbahn, Talstation: Skifahrer flitzen vorbei, Snowboarder ebenfalls - natürlich alle in Skikleidung und Helm. Da fallen die vier kleinen Gestalten mit ihren ungewöhnlichen Kopfbedeckungen und langen Gewändern durchaus auf – vor allem, wenn eine davon gelbe Farbe im Gesicht hat und eine andere Glitzer auf den Wangen trägt. Es handelt sich dabei ja auch nicht um gewöhnliche Wintergäste, sondern um die Heiligen Drei Könige und ihren Stern.

Hütte statt Haus und fahren statt gehen

Kristof (12), Vanesa (11), Klaudija (11) und Anjesa (9) sind schon seit 8.00 Uhr morgens als Sternsinger unterwegs. Insgesamt drei Tage sind sie rund um Schladming unterwegs und sammeln, wie 13.000 andere Kinder und Jugendliche in der Steiermark - mehr dazu in Sternsinger machen sich auf den Weg, Spenden für zwei Hilfsprojekte in Nicaragua.

Die vier Schladminger Sternsinger kommen gerade von einer Tour zu einigen entlegenen Höfen: „Wir haben noch einen Tee bekommen“, erzählt Klaudija. Das gehört natürlich auch zum Sternsingen dazu. Vanesa geht als Caspar und ist Herrin der Kassa, Klaudija übernimmt den Part des Melchior, Kristof ist Balthasar und Anjesa der Stern.

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Mit den Spenden sollen zwei Projekte in Nicaragua finanziert werden. Die Partnerorganisation FUNARTE in Esteli bietet Straßenkindern einen Platz, um ohne Angst Kind sein und über traumatische Erfahrungen sprechen zu können. Das zweite Projekt unterstützt Jugendliche, die auf sich alleine gestellt sind und die Schule abgebrochen haben - sie sollen eine alltagsorientierte Ausbildung absolvieren, um eine Zukunftsperspektive zu bekommen.

Die vier Kinder gehen hier auf der Hochwurzen allerdings nicht von Haus zu Haus, sondern fahren von Hütte zu Hütte - und das mit dem Schlitten. „Sonst hatten wir Jahre, wo eine Gruppe mit Skiern über die Planai gefahren ist. Da sind ungefähr zehn Hütten“, erzählt Barbara Riemelmoser - sie ist Religionslehrerin in der Volksschule Schladming, leitet die Sternsingeraktion in Schladming und ist dabei für 19 Gruppen verantwortlich.

Einer dieser skifahrenden Sternsinger ist Daniel: Er war über zehn Jahre rund um Schladming unterwegs. „Ich kenne fast alle Touren“, sagt er. Seit fünf Jahren ist er nun als Begleiter mit dabei - einer von etwa 3.000 Erwachsenen in der Steiermark, die den Sternsingern beim Ankleiden und Schminken helfen oder sie begleiten.

Schlitten als Premiere für alle vier

Klaudija war schon im vergangenen Jahr als Sternsinger unterwegs. Mit dem Schlitten fährt sie heuer das erste Mal. Für die anderen drei ist es überhaupt der erste Auftritt als Sternsinger. Zusammen mit den beiden Erwachsenen holen Kristof, Vanesa, Klaudija und Anjesa ihre Schlitten. Natürlich tragen sie ihre Rodeln selbst, auch wenn die fast größer sind als die Kinder selbst. Zuerst muss geklärt werden, wer mit wem auf dem Schlitten sitzt, und die Kinder stellen fest, dass niemand so genau weiß, wie man bremst.

Mit der Rodel am Rücken geht es dann zur Gondelstation und hinauf auf 1.852 Meter. „Bist du zufrieden mit deinen Mädels?“, fragt Barbara Riemelmoser. „Die machen eh nicht, was ich sage“, sagt Kristof, und die drei Mädchen lachen zustimmend, „aber ich darf im Auto vorne sitzen“.

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Sendungshinweis:

„Guten Morgen, Steiermark“, 27.12.2017

Das Wetter könnte nicht besser sein, die Sonne strahlt, die ersten Skigäste sonnen sich bereits auf den Terrassen der Skihütten, der Schnee funkelt. Unter ihren langen Kleidern tragen die vier Sternsinger zum Schutz Skihosen und warme Anoraks - am Vortag sei es viel kälter gewesen, wegen des starken Windes, erzählen die Kinder. Dafür seien viele Leute zu Hause gewesen. „Deshalb gehen wir hier auf der Hochwurzen so um die Mittagszeit, weil da die meisten Leute sind“, erklärt Riemelmoser.

Zuerst die Gondel, dann der Schlitten

In der Gondel Nr. 43 erzählt Kristof: „Bei einem Hof war ein Hund, der hat sogar auf mich gehört. Der wollte mir nachlaufen, und ich habe ‚Sitz, Platz‘, und ‚Bleib‘ gesagt, und er ist geblieben." Die Kinder unterhalten sich über den Vortag. Ob Donnerstag oder Freitag ist, wollen sie wissen – man kommt ja in den Ferien auch leicht durcheinander mit den Wochentagen.

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Anjesa, Vanesa, Klaudija und Kristof in der ersten Hütte

Die erste Station ist die Hochwurzenhütte - doch bevor es nach drinnen geht, werden Kassa und Flyer aufgeteilt, Hüte gerichtet und Umhänge zurechtgezupft. „Da müsst ihr jetzt besonders laut singen, damit euch die Leute hören“, sagt Barbara Riemelmoser. Die Sternsinger mit ihrem „Halleluja“ und der Botschaft von der Geburt Jesu Christi sind der vollkommene Kontrast zu der hektischen Stimmung und dem Getriebe in der Hütte.

Es wirkt beinahe so, als würden die Erwachsenen, die mit ihren Tabletts voller Essen nach Tischen suchen, die vier Kinder übersehen. Sie singen trotzdem mit voller Inbrunst, sprechen ihre Texte und bitten um Spenden – auch wenn der Hüttenlärm die zarten Kinderstimmen fast verschluckt. Spenden für ebenso kleine Menschen, um ihnen einen geschützten Rahmen bieten zu können - damit sie Kinder sein können und sich nicht auf Nicaraguas Straßen durchkämpfen müssen.

Schokobonbons und Selfies

Als Belohnung bekommen Kristof, Vanesa, Klaudija und Anjesa eine Packung Schokoladebonbons, die aber vorerst in Daniels Rucksack wandert - es soll schließlich gleich mit den Schlitten weitergehen. Wieder draußen im Schnee bittet ein Mann in Skikleidung die vier Kinder um ein Foto: Er sei selbst Sternsinger gewesen, erklärt er und wirft eine Spende in die Holzbox von Vanesa.

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Es geht zum Gruppenfoto vor einen verschneiten Nadelbaum, und während so mancher Skifahrer auf der Piste eine Bruchlandung hinlegt, haben es die vier Kinder nicht minder leicht: Gar nicht so einfach, mit der ganzen Sternsingerkleidung durch den hohen Schnee zu stapfen - da kann es schon sein, dass der Holzstern im Schnee landet.

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Sieben Kilometer legen die vier Kinder auf ihren Rodeln zurück

„Schlittenfahren macht Spaß“

Endlich geht es mit den Schlitten weiter. Die Kinder tauschen die Dreikönigshüte gegen Skihelme, die Kassa und die Flyer verstaut Daniel im Rucksack. „Schau, die waren gestern bei uns“, sagt ein Mann zu seinem Sohn, während sie auf Skiern vorbeifahren. Die nächste Hütte ist schon in Sichtweite, trotzdem geht es mit voller Geschwindigkeit den Hang hinunter. „Ich habe nicht mehr gewusst, wie ich bremsen soll. Aber die Anjesa hat mir geholfen“, ruft Kristof, nachdem alle wohlbehalten angekommen sind. „Das hat Spaß gemacht“, stellen alle vier einhellig fest.

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Wussten Sie, dass...

  • ... seit dem Beginn der Dreikönigsaktion im Jahr 1945 etwa 410 Mio. Kinder und Jugendliche als Sternsinger unterwegs waren?
  • ... in Österreich 85.000 Sternsinger unterwegs sind? In ganz Europa sind es 500.000 heilige Könige und Sternträger.
  • ... jedes Kind über 200 Euro „ersingt“?
  • ... alle Sternsinger gemeinsam etwa 420.000 Kilometer zurücklegen? Damit umrunden sie die Erde zehnmal.

Wieder geht es in eine Skihütte - dort ist es so warm, dass sich Dunstschwaden bilden, als die Türe aufgeht. Vom Stern tropft der mittlerweile flüssig gewordene Schnee. Obwohl es auch hier laut ist, hören die Menschen den vier Kindern bewusster zu: Sie bekommen mehr Applaus und müssen an einem Tisch einen Teil ihres Textes wieder aufsagen. „Wollen Sie etwas spenden“, fragen die Kinder, während sie durch die Hütte gehen.

„Dürfen wir rodeln?“

Mit den Schlitten geht es weiter zur Seiterhütte und zur Tauernalm und dann zur endgültigen Abfahrt. Anjesa, Klaudija, Vanesa und Kristof stehen an ihren Schlitten zur Abfahrt bereit. „Dürfen wir wieder rodeln?“, drängen die Kinder. Natürlich dürfen sie und sausen mit lauten Rufen den Berg hinunter. Am Abend bekommen Kristof, Vanesa, Klaudija und Anjesa mit den anderen Sternsingern aus Schladming Tee und eine Jause.

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Außerdem werden die Spenden aus der Kassa gezählt. „Das macht den Kindern eh am meisten Spaß“, sagt Begleiter Daniel. Über drei Millionen Euro konnten die steirischen Sternsinger bei der vergangenen Dreikönigsaktion zählen, österreichweit waren es über 17 Millionen Euro.

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Helfen und selbst etwas bekommen

Auf die Frage, was ihnen beim Sternsingen am besten gefällt, sagen die Kinder: „Dass man Zuckerl bekommt“ oder „Man geht von Haus zu Haus und kann Tee trinken“. Und dann sagt Klaudija den Satz, der wohl ziemlich genau das Wesen der Dreikönigsaktion trifft: „Das Beste ist, dass man für arme Leute Geld bekommt und selbst was bekommt.“

Dieser Satz - aus dem Mund eines elfjährigen Mädchens - könnte für viele Menschen ein Leitsatz im neuen Jahr sein: Helfen und für andere da sein, egal, ob man dafür Tee, Zuckerl oder ein einfaches „Danke“ bekommt.

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