Ein Tagebuch bis zum Untergang Österreichs

Heuer jährt sich der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland zum 80. Mal. Der Journalist und Autor Gerhard Jelinek widmet sich in seinem neuen Buch „Es gab nie einen schöneren März“ diesen Schicksalstagen Österreichs.

Gerhard Jelinek beschreibt in „Es gab nie einen schöneren März. 30 Tage bis zum Untergang“ jene 30 Tage bis zum Untergang Österreichs vom 11. Februar bis zum 12. März, dem Tag des Einmarschs der deutschen Truppen, in einer Art Tagebuch.

"Es gab nie einen schöneren März" von Gerhard Jelinek
Amalthea Verlag

Der Titel bezieht sich auf das Wetter im März 1938 - es war überdurchschnittlich sonnig und mild - so steht auch am Anfang eines jeden Kapitels ein ausführlicher Wetterbericht.

„Das Requiem beginnt mit einem Walzer“

Am 11. Februar 1938 wurden in Wien die letzten Reste der alten Reichbrücke - der Kronprinz-Rudolph-Brücke - abgetragen; ihre Nachfolgerin - ein Prestigeprojekt des Ständestaates - stürzte dann ja 1976 ein. Am Abend dieses 11. Februars fand in der Hofburg ein rauschender Ball statt - das „Fest der Front“ -, und wie schreibt Jelinek: „Das österreichische Requiem beginnt mit einem Walzer.“

Keine 48 Stunden später verhandelte der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg am Berghof in Berchtesgaden mit dem deutschen Reichskanzler Adolf Hitler über die Unabhängigkeit Österreichs, und es folgten Tage, in denen sich die Nationalsozialisten Schritt für Schritt an den Schaltstellen des Landes festsetzten.

Sendungshinweis:

„Guten Morgen, Steiermark“, 28.1.2018

Aus der Ferne, aus London, beobachtete der Schriftsteller Stefan Zweig die Lage in Österreich - er schrieb später in seinen Erinnerungen „Die Welt von gestern“: „Alle in Wien, die ich sprach, zeigten eine ehrliche Sorglosigkeit. Sie luden sich in Smoking und Frack zu Geselligkeiten (nichtsahnend, dass sie bald die Sträflingstracht der Konzentrationslager tragen würden).“

Nicht nur Politik

Gerhard Jelinek wiederum schildert einerseits sehr genau die Ereignisse, die letztendlich zum „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland führten, aber auch andere Ereignisse dieser Tage finden Platz: Sportliches - Fußball, schließlich ist es noch die Zeit des „Wunderteams“, oder Skifahren, die alpinen Weltmeisterschaften in Davos - bietet allerdings keine Jubelmeldungen.

In Wien erkrankte die Schauspiellegende Hugo Thimig an der mysteriösen „Papageienkrankheit“ - eine Tierseuche, an der damals viele Menschen starben. Auch Klatsch und Tratsch ist zu lesen - unter anderem von einer Affäre, die eine junge Wienerin aus einer Gasthaus-Dynastie mit dem bedeutend älteren ehemaligen ägyptischen Ministerpräsidenten hatte.

Ernster Grundtenor

Der Grundtenor der Geschichten bleibt aber natürlich ernst: So wird dem anerkannten Fotografen Robert Haas Ende Februar ein Berufsverbot erteilt - offiziell, weil er keine Gewerbeberechtigung als Pressefotograf besitzt. Robert Haas ist Jude - ihm gelang später auf abenteuerliche Weise die Flucht nach England.

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