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Tollkirsche (Bild: steiermark.ORF.at)
Tollkirsche
Tödliche Schönheit
Von Mythen umrankt, nach einer Schicksalsgöttin benannt, schön anzusehen und hoch giftig: Egal, ob sie die Tollkirsche lobten oder vor ihr warnten - beschäftigt hat sie die Heiler und Medizinkundigen schon vor langer Zeit.

Atropa Belladonna - der Name verrät bereits viel über das Wesen der Tollkirsche. Belladonna - schöne Frau - wird das Nachtschattengewächs genannt. Von einem schönen weiblichen Dämon soll die Pflanze bewohnt sein, der den Menschen glücklich machen, ihm aber auch Krankheit, Wahnsinn und Tod bringen kann.
Augen, schwarz wie die Nacht
Große, dunkle Augen - ein altes Schönheitsideal; das in der Tollkirsche enthaltene, giftige Atropin weitet die Pupillen, weshalb sich die Damen früher Tollkirschensaft in die Augen träufelten, um "Belladonnas" zu werden. Atropin wird heute noch in der Augenmedizin verwendet.
Schicksal und Tod
Atropa, der erste Teil des botanischen Namens der Tollkirsche, ist aus der griechischen Mythologie entnommen. Die dritte Schicksalsgöttin, die Unerbittliche, die Unabwendbare ist Atropos, sie schneidet den Lebensfaden ab.
Volkstümliche Namen
Mörderbeere, Rasewurz, Schlafkirsche - die Tollkirsche trägt viele Beinamen. Das "toll" im üblichen Namen bedeutet hier soviel wie erregt: Belladonna gilt seit alters her als Aphrodisiakum.
Mörderbeere
Aber auch der Name Mörderbeere kommt nicht von ungefähr: Als Gift war die Tollkirsche durchaus eine beliebte Mordwaffe.
Kriegslist
Das Gift der Tollkirsche nutzten etwa die Schotten für ihre Zwecke, als die Stadt Perth im 11. Jahrhundert von den Dänen belagert wurde. Man ließ den Belagerern Brot und Wein bringen. Diese - offenbar durstig und hungrig - vergaßen jede Vorsicht und schlemmten. Die Lebensmittel waren allerdings mit Tollkirschensaft versetzt. Einige Dänen starben daran, andere schliefen ein oder torkelten herum. Die Schotten hatten leichtes Spiel mit ihnen.
Rasewurz
Der Name Rasewurz bezieht sich wohl auf die Wirkung der Tollkirsche; auch der Name Wolfsbeere ist geläufig.
Der Wolf ist das Tier des Wotans und verkörpert Wut, Raserei und Ekstase.
Hochgiftig
Raserei und Schreien treten bei einer Vergiftung mit Tollkirsche meist auf.
Im schlimmsten Fall führt die Vergiftung zum Tod durch Atemlähmung.
Es heißt, jeder, der einmal Tollkirsche probiert hat, würde dies freiwillig kein zweites Mal tun. Düster und melancholisch beschreiben die Menschen mit Drang zu Selbstversuchen ihre Erfahrungen mit der Tollkirsche - ein "Hieronymus-Bosch-Trip".
Weitreichende Wirkung
Offenbar ist die Tollkirsche hartnäckig, was die Wirkung angeht: Eine ganze Familie soll nach dem Abendessen einmal kollektiv halluziniert haben. Es gab Hase, und der Hase hatte offenbar eine Schwäche für Tollkirschenblätter.
Hildegard von Bingen warnt
Hildegard von Bingen spricht von "teuflischer Einflüsterung", die es an den Orten, wo die Belladonna wächst, geben soll.
"Und sie ist für den Menschen gefährlich zu essen und zu trinken, weil sie seinen Geist zerrüttet, wie wenn er tot wäre", schreibt sie.
Hildegard von Bingen empfiehlt Belladonna nur äußerlich als Saft bei Hautgeschwüren.
Literarische Beschreibung der "schönen Frau"
Dass die Tollkirsche eine mythische, magische aber auch düstere Pflanze ist und man mit ihr keine Scherze treiben sollte zeigt auch die Beschreibung, die Bruno Vonarburg von der Belladonna gibt:
"Begegnen wir der Tollkirsche beim Streifzug durch die Säulenhallen der Wälder, beschleicht uns ein seltsames Gefühl, so als ob hinter der mysteriösen Pflanze ein geheimnisvolles Wesen mit stieren, starren Augen stehen würde. Mit funkelnden, schwarz glänzenden Früchten strahlt sie uns im düsteren Licht der Wälder entgegen. Die Tollkirsche besitzt eine Aura der Gefahr, und wir spüren bei der Betrachtung, dass Vorsicht geboten ist."
Buchtipp:
Die Zitate sind aus Christian Rätschs "Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen" entnommen. Das Buch - erschienen im AT-Verlag - bietet umfassende Informationen zu Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendung.