Das andere Gesicht im Fasching

Maskierung und närrisches Feiern: Gerade in katholisch geprägten Gebieten ist der Fasching stark verbreitet - als Kontrast zur strengen Fastenzeit. Das Faschingstreiben aus psychologischer und volkskundlicher Sicht.

Wer an Fasching denkt, der hat vermutlich Bilder von Umzügen wie dem Grazer Faschingsumzug, Sitzungen wie dem „Villacher Fasching“ oder Prinzenpaare, die das Rathaus regieren, im Kopf - diese Art von Fasching ist allerdings typisch für den, wie man ihn aus dem Rheinland kennt.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hielt der Rheinische Karneval in der Steiermark Einzug: „Seit den 1950er Jahren spielte auch der verstärkt einsetzende Tourismus eine Rolle im Brauchtransfer von Faschingsveranstaltungen. So brachten Fremdenverkehrsverantwortliche im oberen Ennstal durch intensiven Kontakt zu ihren deutschen Gästen Karnevalselemente in den heimischen Fasching“, erklärt Roswitha Orač-Stipperger, die Chefkuratorin des Volkskundemuseums; auch die mediale Verbreitung spielte dabei eine Rolle.

„Kleidung anpassen ist alltäglich“

Das Hauptmotiv des Faschings ist wohl die Verkleidung. „Seine Kleidung einem Anlass oder einer Rolle entsprechend anzupassen ist etwas Alltägliches. Das vergessen wir im Alltag oft“, sagt Katja Corcoran, Professorin für Sozialpsychologie und Leiterin des Instituts für Psychologie an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Doch gerade im Fasching, wo die Kleidung dem Anlass in besonders auffälliger Weise angepasst wird, könne man ausprobieren, wie Mitmenschen auf die eigene Person reagieren: „Man erfährt, wie stark eine Reaktion vom Aussehen abhängen kann.“

Karneval bringt eigene Normen

Nicht nur, dass man in einer Verkleidung oder Maskierung in eine andere Rolle schlüpft, macht den Fasching aus - auch das Inkognito-Sein ist ein wesentlicher Faktor. Inkognito sei man nicht nur hinter einer Maske, sondern auch dann, wenn jemand einer von vielen Clowns, Cowboys oder Prinzessinnen ist - dann gehe man in der Masse unter. Damit einher gehe aber auch, dass die Einzelperson weniger individuelle Verantwortung verspürt, was manchmal zu sozial unerwünschtem Verhalten führen kann.

Clowns, Fasching

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Andererseits gelten im Fasching eigene Regeln. Als Beispiel nennt Katja Corcoran den Straßenkarneval im Rheinland: Der sei überraschend friedfertig, wenn man sich die feiernden Menschenmassen und ihren Alkoholkonsum ansehe. „Hier existiert die Norm, dass alle zusammen feiern – auch Menschen, die sonst nur wenig miteinander zu tun haben. Manche Verkleidungen können auch das persönliche Verantwortungsgefühl steigern: Ein ‚Sheriff‘ greift vielleicht eher bei einem Handgemenge ein, als es die unverkleidete Person tun würde“, so Corcoran.

Kein Rückschluss auf Persönlichkeit

Die Persönlichkeit des Menschen habe einen Einfluss auf die gewählte Kostümierung. Allerdings sei der Umkehrschluss, nämlich dass man aus der Verkleidung den Charakter herauslesen könne, nicht zulässig. Andere Faktoren wie modische Trends oder die für eine Region traditionellen Kostüme spielen ebenfalls mit.

Carnevale di Venezia, Masken

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„Ich glaube aber, dass es Verkleidung immer geben wird“, sagt die Expertin. Selbst in einer vielfältigen und toleranten Gesellschaft sei jeder einzelne in bestimmte Rollen oder Gruppen eingebunden. Diese Gruppen haben wiederum spezielle Erscheinungsformen und bestimmte Erwartungshaltungen zu erfüllen: „So kann eine bestimmte Kleidung für jemanden alltäglich sein und für andere Personen eine Verkleidung - zum Beispiel Verkleidungen mit Uniformen jeglicher Art“, sagt Corcoran.

Keine negativen Figuren

Durch die ursprüngliche steirische Faschingstradition ziehen sich einige Motive: Neben dem Rollenwechsel bildet der Fasching die Übergangszeit zwischen Winter und Frühjahr. Die Menschen sehnten nach den kalten Winterwochen die Vegetation des Frühlings herbei - dementsprechend wollten sie in diesen Tagen den Winter austreiben. Im Fasching gibt es kaum böse Gestalten - die Figuren sind spöttisch, verzerrt, lustig; am ehesten kommt das Negative in den Wintergestalten zum Vorschein.

Auch die Interaktion mit dem Publikum spielt eine wesentliche Rolle: Händler, die den Zusehern ihre Scherzartikel verkaufen wollen oder der Geschlechtertausch, wenn sich beispielsweise unter den weißen Nachthemden der Ausseer Trommelweiber eigentlich Männer verbergen, sind beliebte Ausprägungen des Faschings.

Fasching mit Kontrollfunktion

Alles umzudrehen ist wohl das hauptsächliche Anliegen des Faschings: Die buchstäblich „verkehrte Welt“ stellt die soziale Rangordnung auf den Kopf. Gerade im bäuerlichen Umfeld war das für die Dienstboten eine Möglichkeit, „dass die sozial schlechter Gestellten gegenüber den Herrenleuten das Sagen hatten und auch Missstände anprangern konnten, "ohne, dass sie dafür bestraft wurden“, so Orač-Stipperger. Auch heute noch sei das Verkleiden eine Art, um Normen zu brechen und die Rolle abzulegen, die man im Alltag innehabe, erläutert Katja Corcoran.

Egal, ob Knechte und Mägde im ländlichen Raum oder Narren, die das Rathaus erstürmen und die offiziellen Würdenträger „außer Gefecht“ setzen – der Fasching war eine Art der sozialen Kontrolle. Wobei der Faschingsbürgermeister kein steirischer Brauch ist: Aufgrund der hierarchischen Strukturen sind die Faschingsbräuche eher im bäuerlichen Bereich verwurzelt, in der bürgerlichen Umgebung sind es hingegen Tanzveranstaltungen und Bälle, die die Faschingszeit prägten.

Faschingsbeginn nicht am 11. November

Ein weiterer Einfluss aus Deutschland ist der 11.11. als Faschingsbeginn. „Das hat in unseren Breiten keine Bedeutung und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch Faschingsgilden nach rheinischem Vorbild propagiert“, hebt die Chefkuratorin hervor. Laut Mandlkalender beginnt der Fasching in der Steiermark seit gut 300 Jahren erst nach Dreikönig: Es ging dabei um den Kontrast zwischen Weihnachten, Fasching und der darauffolgenden Fastenzeit. „Das hat sich aber aufgeweicht und kommt den Personen zugute, die diese fixen Strukturen nicht mehr kennen oder sich nicht mehr daran halten wollen“, sagt Roswitha Orač-Stipperger.

Faschingsgilde Strass

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Die Faschingsgilde Strass

Fasching und Fasten

Der Fasching sei im Bäuerlichen immer mit gutem und üppigem Essen verbunden gewesen - einerseits, weil man durch die Schlachtungen mehr tierische Produkte zur Verfügung hatte und andererseits, weil es sich um eine Ruheperiode im Arbeitsjahr handelte. Man hatte also auch Zeit für Geselligkeiten und dazu, das Essen genießen zu können. Besonders am „Foastpfingsta“, dem Donnerstag vor dem Faschingssonntag, wurden Schmalzgebäcke, Fleischkrapfen und andere Köstlichkeiten aufgetischt.

„Da spielt auch hinein, dass man die Fastenzeit wirklich streng eingehalten hat. Diese Gegensätze wurden noch viel stärker gelebt“, sagt Orač-Stipperger. So lässt sich auch erklären, warum der Fasching gerade in katholisch geprägten Gegenden wie Rio de Janeiro, Mainz, Villach oder Venedig populär ist - in orthodoxen Ländern, im norddeutschen, skandinavischen oder angelsächsischen Raum hingegen spielt der Fasching keine so dominante Rolle.

Carneval Rio de Janeiro 2010

EFE/Antonio Lacerda

Der Karneval in Rio de Janeiro

Bewusstes Ende der rasenden Zeit

Nach dem Rosenmontag, der ebenfalls vom Rhein nach Österreich schwappte und dessen Bedeutung von dem Wort „rasender Montag“ kommt, ist die närrische Zeit in der Nacht zum Aschermittwoch vorbei. Mit einem symbolischen „Faschingsbegraben“ oder „Faschingsverbrennen“ endet das Narrenregiment. „Vielerorts wird das auch wieder ritualisiert abgeschlossen. Damit man sich bewusst ist: Jetzt ist diese Zeit vorbei, jetzt gelten wieder die normalen Spielregeln“, so die Volkskundeexpertin.

Steirische Faschingstraditionen

In der Steiermark verteilen sich die Faschingsbräuche auf verschiedene Regionen auf. Besonders bekannt ist der Ausseer Fasching: Er wird an den „Heiligen drei Faschingtagen“ gefeiert. Am Faschingsonntag treffen sich die Einheimischen und verlesen die „Faschingbriefe“. Humorvoll blicken die Anwesenden dabei auf Missgeschicke, Fehltritte, Ortspolitik und lokale Gegebenheiten aus dem alten Jahr zurück.

Ausseer Fasching 2017, Trommelweiber

APA/Barbara Gindl

Die Trommelweiber ziehen seit 1767 durch die Stadt

Bereits seit dem 18. Jahrhundert ziehen am Montag die Markter Trommelweiber mit Masken und langen, weißen Frauennachthemden durch die Stadt. Im Ausseerland, das durch den Salzbergbau geprägt war, wird der wirtschaftliche Einfluss auf die Faschingstraditionen sichtbar. „Es gibt nicht nur eine Gruppe von Trommelweibern, die Bürgerlichen aus dem Markt Aussee, sondern auch die Arbeiter-Faschingsfiguren“, hebt Orač-Stipperger hervor. Auch heute noch gehen diese beiden Gruppen getrennt ihren Traditionen nach.

Am Faschingsdienstag übernehmen dann die Flinserl und die Pless das Kommando: In ihren Kostümen aus glitzernden Pailletten-Ornamenten und bunten Tuchflecken werfen die Flinserl den Kindern Süßigkeiten oder Nüsse zu.

Ausseer Fasching, Flinserl 2017

APA/Barbara Gindl

Die schimmernden Kostüme der Flinserl

Faschingstradition als UNESCO-Kulturerbe

Nicht nur der Ausseer Fasching gehört zum steirischen immateriellen Kulturerbe der UNESCO. „Die ersten steirischen Faschingsfiguren, die in diese Liste aufgenommen wurden, waren die Murtaler Faschingrenner im Jahr 2011“, sagt Roswitha Orač-Stipperger. Im Rahmen dessen habe sie erst bemerkt, wie vielfältig und dicht dieser Brauch im oberen Murtal auch im 21. Jahrhundert zelebriert wird.

Am sogenannten damischen Montag laufen die Faschingrenner in den einzelnen Gemeinden von Haus zu Haus. Voran ziehen der Wegauskehrer und der mit Federn geschmückte „Heahgreifer“, der Hühnerhabicht. Um ihn gut zu stimmen, müssen ihm die Hausbesitzer Eier schenken. Den Großteil des Umzuges machen die sogenannten Glockfaschinge und die Schellfaschinge aus. Mit Kuhglocken oder Schellenkränzen und meterhohen bunten Spitzhüten.

Murtaler Faschingrenner

Steiermark Tourismus/ikarus.cc

Vor jedem Haus wird ein „Kranzerl“ gelaufen und die als Handwerker verkleideten „Vetteln“ preisen ihre Waren an. Mit dem gesammelten Geld wird der gesellige Teil am Abend finanziert. Nicht im ganzen Murtal wird der alte Brauch gleich durchgeführt, aber die Grundmuster sind überall ähnlich.

Von Bären, Maiskolben und Schweinsköpfen

Eine andere Tradition aus dem Murtal, die teilweise das Faschingrennen begleitet, ist das „Bärenjagen“: Der Bär, als Zeichen für den Winter, wird aus dem Winterschlaf geweckt und getötet.

Bärenjagen

Steiermark Tourismus/Gery Wolf

Bärenjagd in Sankt Peter am Kammersberg

Ein beliebter Rügebrauch in der Ost- und Weststeiermark ist das Blochziehen: Wenn im vergangenen Fasching keine Hochzeit stattgefunden hatte, musste die ledige Dorfjugend einen geschmückten Baumstamm durch den Ort ziehen. Mit von der lustigen Partie ist oft ein falsches Brautpaar. Außerdem das „G’schalermandl“ in der Oststeiermark oder der „Laschi“ auf Weststeirisch mit einer Maske aus getrockneten Schalen oder Hüllblättern von Maiskolben. Diese Figur steht für den Winter. Sein Begleiter, der „Waldteufel“ oder „der Grüne“ mit seiner Reisigmaske symbolisiert den Frühling.

Ein anderer Brauch vornehmlich in der Oststeiermark ist das „Sauschädelstehlen“. Als die Bauern noch selbst schlachteten, versuchte man in der Nachbarschaft den Schweinskopf zu entwenden. Der Bestohlene wurde dann in einer scherzhaften Gerichtsverhandlung zu einer Strafe „verurteilt“, die er dann beim gemeinsamen Zusammensitzen zu begleichen hatte.

Grazer Faschingsumzug seit 1970

Der Grazer Faschingsumzug ist nicht die Art von Umzug, wie ihn die steirische Tradition kennt, sondern basiert eben auf dem rheinischen Karneval. Was allerdings beide Traditionen gemeinsam haben, sind die Persiflage der politischen und gesellschaftlichen Zustände und der humorvolle Blick auf das Zeitgeschehen.

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