Rekordregen: Aufräumen von Graz bis Leibnitz

Starkregen auf Rekordniveau hat Montagabend Graz und Umgebung unter Wasser gesetzt: Im Einkaufszentrum Citypark stand das Wasser bis zu 30 Zentimeter hoch, es ging Hagel nieder, die Südbahn ist südlich von Graz gesperrt.

Laut Einsatzleiter Heimo Krajnz von der Grazer Berufsfeuerwehr waren vor allem die Bezirke Puntigam, Straßgang, Jakomini und Innere Stadt betroffen. Beim Citypark drangen die Wassermassen sowohl in die Parkgarage als auch in das Einkaufszentrum selbst ein. Auf Videos ist zu sehen, wie Rolltreppen hinunter ins Wasser führten.

Citypark unter Wasser

Der Grazer Citypark unter Wasser - ein Video von Bruce Färber.

Laut Krajnz kam das Nass sowohl von der Decke als auch über die Eingangstüren von der Straße herein. Die Betriebsfeuerwehr des Cityparks wurde von der Berufsfeuerwehr unterstützt. Gegen 22.30 Uhr wurde dann Entwarnung gegeben: Die Reinigungsarbeiten seien großteils abgeschlossen. Am Dienstag sei der Betrieb wieder einigermaßen normal angelaufen, sagte Center-Leiter Waldemar Zelinka: „Wir sind nun dabei, die restlichen Trocknungsarbeiten zu machen, damit wir möglichst rasch die Feuchtigkeit wieder hinausbringen.“

Aufräumarbeiten im Grazer Citypark

ORF

Wie es zu diesem großen Wassereintritt kommen konnte, erklärte Klaus Baumgartner von der Grazer Berufsfeuerwehr: „Zum einen durch die immensen Niederschlagsmengen bis zu 161 Liter am Quadratmeter, zum anderen ist es die exponierte Lage des Cityparks, der sich in einer Senke befindet. Das, im Zusammenspiel mit dem völlig überlasteten Kanalnetz, dürfte letzten Endes dazu geführt haben, dass diese Wassermassen eingedrungen sind.“

Alle Feuerwehrkräfte im Einsatz

Die Berufsfeuerwehr musste laut deren Sprecher zu mindestens 180 Einsätzen ausrücken, 150 Männer waren im Einsatz, wobei die 70 Berufsfeuerwehrleute Unterstützung von der Freiwilligen Feuerwehr Graz (40 Mann) und den Betriebsfeuerwehren (40 Mann) bekamen.

Ähnlich war die Situation auch im nahe gelegenen JUFA-Cityhotel: Auch dort wurden die Kellerräume und ein Seminarraum durch Wasser stark beschädigt.

Wasser in Straßenbahnen

Bei einer Eisenbahnunterführung in der Herrgottwiesgasse mussten vier in Fahrzeugen eingeschlossene Insassen befreit werden, da das Wasser zu hoch für ein Weiterkommen stand. Ähnliche Probleme hatten auch die Straßenbahnen der Linie 5, die ebenfalls durch die Unterführung mussten - große Verzögerungen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln waren die Folge; außerdem drang das Wasser auch in die Trams selbst ein.

Unwetter in Graz

Aktuelle Wetterwarnungen Österreich (Facebook)

Am Grieskai drohte ein Mehrparteienhaus einzustürzen, da die Fundamente des Hauses unterspült wurden - das Haus wurde evakuiert, niemand verletzt; ein Statiker gab mittlerweile Entwarnung. Ein weiterer Hotspot war die UCI Kinowelt in der Annenstraße, wo Wasser durch die Decke eindrang und im Foyer zu Boden tropfte.

Chaos auf Flughafen

Auf dem Flughafen Graz-Thalerhof mussten die Flüge ab Berlin, Zürich und Istanbul nach Wien umgeleitet werden, Düsseldorf und Stuttgart fielen aus. Einzig der Flug aus München konnte landen - die Passagiere brauchten allerdings stark Nerven, so Flughafendirektor Gerhard Widmann: „Die Maschine ist zwar gelandet, aber die Passagiere mussten dann aus Sicherheitsgründen eine Zeit lang im Flugzeug sitzen bleiben. Wenn innerhalb von drei nautischen Meilen entsprechende Blitztätigkeit festgestellt wird, heißt das, dass die Abfertigung eingestellt werden muss, und am Montag hat diese Shut-down-Phase von 17.12 bis 20.35 Uhr gedauert - extrem lange.“

Güterzug entgleist - Südbahn gesperrt

Im Bereich zwischen Retznei und Leibnitz ging eine Mure nieder und verlegte die Trasse der Südbahn. Ein Güterzug entgleiste, so Christoph Posch, Sprecher der ÖBB: „Kurz nach 1.00 Uhr ist der Güterzug in diese Mure hineingefahren. Die Lokomotive wurde dabei schwer beschädigt, wir haben jetzt einen beschädigten Gleiskörper auf mehreren hundert Metern. Es ist Gott sei Dank niemand verletzt worden.“

Entgleister Zug

ORF

Laut ÖBB bleibt die Strecke voraussichtlich für mehrere Tage gesperrt. Bis dahin müssten Reisende mehr Zeit einplanen, so Posch: „Im Nahverkehr gibt es Busse zwischen Spielfeld und Leibnitz, da ist mit einer Verspätung von ungefähr 30 Minuten zu rechnen. Im Fernverkehr gibt es eine Verspätung von 15 bis 20 Minuten, da fahren die Busse zwischen Spielfeld und Graz.“ Der Güterverkehr wird großräumig über Villach umgeleitet.

Auch viel Hagel in Graz

Das Unwetter brachte in Graz auch viel Hagel, wie das Video von Josef Kasper zeigt.

Noch in den Nachtstunden gingen dann die Pegel der Grazer Bäche, etwa des Mühlgangs, der in der Herrgottwiesgasse über die Ufer getreten war, in den Normalbereich zurück. Der Pegel der Mur stieg dagegen auf über vier Meter: Dienstagfrüh wurde daher die Promenade bis auf Weiteres gesperrt. Mit einer Entspannung ist dort derzeit nicht zu rechnen: Nach den starken Schneemengen im Winter könnte das Schmelzwasser den Mur-Pegel sogar noch weiter steigen lassen.

„Mit einem Wort: Katastrophe“

Auch im Süden von Graz habe es ein ähnliches Bild gegeben, sagte Thomas Maier vom Landesfeuerwehrverband: „Hotspots der Unwetterereignisse waren Leibnitz, die südlichen und südöstlichen Teile des Bezirks Graz-Umgebung. Man hat da teilweise die Hand vor Augen nicht gesehen, so hat’s da runtergelassen. Die Folge dieser schweren Unwetter waren zahlreiche Überflutungen von Straßen und Objekten, es hat teilweise Hangrutschungen gegeben, Murenabgänge, es mussten auch Personen aus Zwangslagen befreit werden - die waren von den Regen und Schlammmassen in den Pkws eingeschlossen.“ Im Bezirk Graz-Umgebung gab es 130 Alarmierungen - mehr dazu in iptv.ORF.at.

In der Gemeinde Fernitz-Mellach sei man von den Wassermassen völlig überrascht worden, sagte Bürgermeister Karl Ziegler: „Mit einem Wort: Katastrophe. Wir haben das in dieser Form noch nicht mitbekommen. Es waren meistens die Bäche voll, und heute kommt es über die landwirtschaftlichen Flächen vom Berg runter, der Boden nimmt nichts auf, und natürlich schwemmt es das ganze Material mit, und in allen Ortsteilen haben wir riesige Probleme.“

Im Bezirk Leibnitz waren rund 100 Feuerwehrkräfte im Einsatz: In Wildon mussten drei Autoinsassen gerettet werden, da der Wurzingbach über die Ufer getreten war. Es habe sich um einen „lebensgefährlichen Einsatz“ gehandelt, so Marcel Keutz von der Freiwilligen Feuerwehr Wildon.

Unwetter in Graz und Umgebung

FF Wildon/LM d.V. Marcel Keutz

Auch im Raum Knittelfeld in der Obersteiermark regnete es stark: Binnen kürzester Zeit wurde eine Eisenbahnunterführung rund einen halben Meter überschwemmt, schilderte Einsatzleiter Walter Leitold von der Feuerwehr Knittelfeld; zudem waren Keller auszupumpen.

Landwirtschaft kam glimpflich davon

In der Landwirtschaft kam man trotz der schweren Unwetter relativ glimpflich davon, heißt es von der Hagelversicherung: Lediglich bei Mais werde in den Gemeinden süd- und südöstlich von Graz teilweise ein neuer Anbau notwendig sein, weil der Regen alles weggeschwemmt hat, sagte Josef Kurz von der Hagelversicherung. Mehr als 90 Prozent der Landwirte hätten einen umfassenden Versicherungsschutz gegen Unwetter.

Überfluteter Acker

Landwirtschaftskammer

Mehrere 100 Hektar Ackerflächen südlich von Graz waren betroffen und standen teilweise noch am Dienstag unter Wasser - sehr zur Freude einiger Schwäne, die sich auf den neuen „Seen“ niederließen

„Beeindruckend viel Regen“

Hannes Rieder von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) sprach von einem Grazer Rekordniederschlag im April innerhalb der rund drei Stunden: Den aufgezeichneten Messungen zufolge hat es das bisher noch nicht gegeben. Der höchste Wert in dem Zeitraum wurde mit 85 Millimeter in Straßgang gemessen, wobei es durchaus möglich sei, dass es in der Innenstadt auch 100 Millimeter waren, doch dort habe man keine Messstation. Bei der Keplerbrücke lag der Wert immerhin noch bei 68,4 Millimeter, in Andritz bei 64 Millimeter. „Das ist schon beeindruckend viel“, so Rieder.

Schuld an dem Regen war ein Adria-Tief, das von Süden her bis in den Raum Graz zog. Während sich normalerweise solche Wolken friedlich ausregnen, türmten sich am Dienstag die Gewitterwolken auf - schuld daran sei die Sonne gewesen, so Albert Sudy von der ZAMG: „Heftige Gewitter sind immer dann zu erwarten, wenn labile Luftmassen daherkommen und diese dann gehoben werden - einerseits durch Sonneneinstrahlung, das sind die Wärmegewitter, andererseits können sie auch gehoben werden durch Fronten, wenn beispielsweise Kaltfronten hereinkommen. Und im Gebirge kann es auch noch verstärkt werden durch orografische Hebung, wenn diese Luftmassen an den Bergen zum Aufsteigen gezwungen werden.“

Links: