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Ueberreuter Verlag
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Dichter, Denker und die Zwischenkriegszeit

Der Journalist und Politikwissenschaftler Herbert Lackner beleuchtet in seinem neuen Buch „Als die Nacht sich senkte“ die Zwischenkriegszeit – aus der Sicht der damaligen Dichter, Denker, Musiker und Wissenschaftler.

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen deutet Lackner als „Vorabend von Faschismus und NS-Barbarei“. Denn der Nationalsozialismus ist nicht ganz plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht, sondern konnte sich Schritt für Schritt ausbreiten. In „Als die Nacht sich senkte“ versucht der Autor herauszufinden, warum so viele Menschen die Anzeichen nicht ernst genommen – oder unterschätzt – haben.

In Lebensgeschichten verwobene Geschichte

So verfolgt er vor allem die Lebensgeschichten von Alma Mahler, Franz Werfel, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Joseph Roth, Albert Einstein und Robert Musil von 1918 bis 1938 und verwebt sie mit den politischen Ereignissen dieser Zeit. Sie, aber auch viele Andere verkannten die Gefahr, die vom Nationalsozialismus ausging.

Sendungshinweis:

„Guten Morgen Steiermark“, 3.11.2019

Der Korrespondent der New York Times schreibt zum Beispiel im Dezember 1924 – also nachdem Hitler aus der Haft nach seiner Verurteilung wegen Hochverrats entlassen wurde: „Sein Verhalten im Gefängnis überzeugte die Behörden, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Man nimmt an, dass er in sein Geburtsland Österreich zurückkehrt und sich dort ins Privatleben zurückzieht.“

„Wenige nehmen Aufziehen der Wolken wahr“

Bereits 1918 wird der Antisemitismus geschürt – da tritt zum Beispiel Leopold Kunschak, der Führer der christlichen Arbeiterbewegung beim ersten Parteitag der Christlich-Sozialen nach dem Ersten Weltkrieg auf und gibt der „Raffgier der Juden“ die Schuld an der Niederlage.

Buchtipp
ORF

1922 erklären sich einige Fremdenverkehrsorte zur „judenfreien Sommerfrische“ und vermieten keine Zimmer mehr an Juden. Ein Jahr später beschließt das Parlament eine Novelle der Volkszählung – ab da gibt es die Kategorie „Volkszugehörigkeit und Rasse“. Trotzdem: „Nur wenige nehmen das Aufziehen der dunklen Wolken am Horizont wahr“, schreibt Lackner.

„Fake News“ keine Neuerfindung

An einem Beispiel zeigt er auch auf, dass die sogenannten „Fake News“ keine Erfindung unserer Tage sind: 1929 erscheint der Roman „Im Westen nichts Neues“, in dem der Journalist Erich Maria Remarque seine Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg beschreibt. Das Buch wurde ein großer Erfolg, in Deutschland löste es allerdings große Empörung aus – das Vaterland werde in den Schmutz gezogen, hieß es.

Die NSDAP verbreitet daraufhin das Gerücht, Remarque habe gar nicht am Krieg teilgenommen und sei in Wahrheit ein Jude. Als die Verfilmung des Romans ein Jahr später in die Kinos kommt – in Deutschland und in Österreich ohnehin nur in zensierter Fassung – ist die Stimmung schon so aufgeheizt, dass die Kinosäle gestürmt werden und es zu Ausschreitungen kommt. Der Film wird schließlich verboten.

Vorgeschichte zu „Die Flucht der Dichter und Denker“

„Als die Nacht sich senkte“ ist die Vorgeschichte von Lackners „Die Flucht der Dichter und Denker“, das vor zwei Jahren erschienen ist und die dramatischen Fluchtgeschichten von europäischen Künstlern und Wissenschaftlern erzählt.