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Eine Geschichte Russlands

Was ficht den Präsidenten Russlands an, die Ukraine zu bekämpfen? Liegt das in der Geschichte Russlands begründet? Unter anderem diese Frage versucht der britisch-deutsche Historiker Orlando Figes in seiner „Geschichte Russlands“ zu beantworten.

Eine gut 1.000-jährige Geschichte auf rund 400 Seiten unterzubringen – kann das gehen? Ja – das beweist Orlando Figes, Professor für russische Geschichte an der University of London, mit großer Sachkenntnis und viel Geschick für verständliches Formulieren in seinem aktuellen Buch.

Der Historiker spannt dabei einen Bogen von den skandinavisch-slawischen Wurzeln des Landes, die just in der Gegend rund um Kiew liegen, bis zur aktuellen unheilvollen Situation, die sich ja bekanntermaßen wieder genau ebenda abspielt.

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„Guten Morgen, Steiermark“, 8.1.2023

Und schon von Beginn an wird klar, was George Orwell in seinem Roman 1984 und Orlando Figes auf den Klappentext seines Buches geschrieben hat: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Nicht unumstrittene Wurzeln

Das gelte für Russland im Besonderen, meinte der Autor: „Kein anderes Land ist bezüglich der eigenen Anfänge so gespalten. Keines hat seine Geschichte so häufig abgeändert.“ Schon die ersten schriftlichen Überlieferungen der russischen Geschichte in der sogenannten Nestorchronik aus dem zwöften Jahrhundert sind bei Experten nicht unumstritten, weil sie den Wikingerstamm der Waräger statt slawischer Bauern als die Urväter der heutigen Russen sehen.

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Die namensgebenden Rus seien nämlich niemand anderer als die Ruotsi gewesen: So hätten die Finnen jene Menschen genannt, die in der an der Ostsee gelegenen schwedischen Provinz Roslagen gelebt haben.

Auf solch spannende Details geht Orlando Figes ebenso ein, wie er den Aufstieg des Großfürstentums Moskau oder den Kampf gegen die Mongolen schildert. Er beschreibt die Hinwendung Russlands zu Europa durch Zar Peter den Großen genauso wie Versuche der Schweden und Litauer, in Russland Fuß zu fassen. Und natürlich ist auch dem fast 400 Jahren währenden Zarentum bzw. dem Kaiserreich und der damit verbundenen Expansion Russlands nach Osten, nach Sibirien viel Raum gewidmet.

Attribut „Pflichtlektüre“

Über Lenin und die Russische Revolution 1917, über den Kommunismus, die Sowjetzeit, den 2. Weltkrieg und letztlich über den Zerfall der Sowjetunion 1991 nähert sich Orlando Figes der Gegenwart, also dem Russland des Wladimir Putin, an. Auch in diesem meint der Historiker jene Grundpfeiler wiederzuerkennen, die die Geschichte Russlands seit Jahrhunderten bestimmen: die scheinbare Notwendigkeit autokratischer Herrscher, um das riesige Land zu regieren, die Verehrung eines heiligen Zaren, auch wenn der gerade Präsident heißt und der Glaube an einen russischen Kollektivgeist.

Allerdings entlässt Orlando Figes seine Leserinnen und Leser nicht völlig hoffnungslos: „Selbst im Chaos der Revolution gab es Momente, in denen Menschen imstande waren, den Staat im Einklang mit ihren alten utopischen Träumen von sozialer Gerechtigkeit und Demokratie neu zu formen. Das Wiedererzählen dieser Erzählung muss sicherlich ein Teil des Wandels von Russlands Schicksal sein.“ „Eine Geschichte Russlands“ von Orlando Figes hat gerade in Zeiten wie diesen das Attribut „Pflichtlektüre“ verdient.