Günter Brus - eine Legende ist 80

In den 60er-Jahren ist er für seine Aktionskunst angefeindet und sogar eingesperrt worden, heute ist der Staatspreisträger Günter Brus einer der wohl bedeutendsten und prägendsten Künstler. Nun ist er 80 Jahre alt.

„Mein Körper ist die Absicht, mein Körper ist das Ereignis, mein Körper ist das Ergebnis“: So formulierte Günter Brus 1965, als er bereits die Malerei vorläufig aufgegeben und sich ganz dem Aktionismus verschrieben hatte.

Am Anfang stand der Aktionismus

Er wurde 1938 in Ardning in der Obersteiermark geboren und besuchte von 1953 bis 1958 die Kunstgewerbeschule in Graz sowie die Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Bald darauf traf er Otto Muehl (auch: Otto Mühl), Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler, mit denen er dann in den 60er-Jahren einige Aktionen umsetzte.

Die erste war „Ana“, bei der er mit weißer Leinwand umhüllt herumrollte und in einem zweiten Schritt etliche Gegenstände sowie seine Frau mit Farbe bemalte. „Eine Phase der Bewusstmachung wurde durch ‚Ana‘ eingeleitet. Und nicht nur eine Phase der Selbstbewusstmachung. Sie endete, bezieht man sich auf die künstlerische Technik Aktion, mit der ‚Zerreißprobe‘ (1970) in der Öffentlichkeit und mit der ‚Körperanalyse‘ (1970) im Atelier“, beschrieb es Brus 1984.

Günter Brus in Berlin

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Mit seinen Aktionen machte Brus immer wieder von sich reden

Sturm und Drang sowie Systemkritik mündeten in den 60er-Jahren zu bekannten Aktionen wie dem sogenannten „Wiener Spaziergang“, bei dem Brus ganz weiß bemalt, nur mit einem schwarzen Streifen vertikal in zwei Hälften geteilt durch die Stadt ging: „Das System hat mich sehr geprägt. Es war eine Situation, die für einen Künstler unerträglich war: Vor allem in der Kunst, weil sogar die Progressivsten damals unsere Aktionen nicht gerade goutiert haben oder überhaupt ferngeblieben sind.“

Strafen von früher und eine „Muse für Bruse“

Doch die Zeiten haben sich geändert, merkt Brus an: „Es ist doch lächerlich, wenn man sich das heute vorstellt, mit dem Tuntenball, den Menschen, die heute auf der Straße so und so angezogen gehen - unvorstellbar, dass man da eine Strafe kriegt, ja überhaupt gestoppt wird wegen Störung der Ordnung und Erregung öffentlichen Ärgernisses.“

Günter Brus in Berlin

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Günter Brus

Seine Frau Anna Brus, die - wenn auch ohne künstlerische Ambitionen, wie sie sagt - bei etlichen Aktionen dabei war, fügt hinzu: „Das war reine Rebellion. Und es war schwierig. Unheimlich schwierig. Wir sind alle so erzogen worden, dass das ganz schwierig war, auch das Ausziehen, weil wir zur Schamhaftigkeit erzogen worden sind. Aber gerade deswegen diese Überwindung für sich selbst zu haben und auch zu wissen, dass es anecken wird - in einer Art Widerstand zur Gesellschaft arbeitet - das war schon Genugtuung.“ Sie war die Muse, sagt Günter Brus schmunzelnd: „Die Muse für Bruse.“

Durch Kunst zum Staatsfeind avanciert

Die von ihm mit Muehl, Peter Weibel und Oswald Wiener durchgeführte Aktion „Kunst und Revolution“ im Audimax der Wiener Universität wurde als „Uni-Ferkelei“ tituliert und brachte ihm eine Haftstrafe von sechs Monaten wegen „Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit“ ein. Er flüchtete daraufhin 1969 nach Berlin und gründete dort mit Wiener und Gerhard Rühm die „Österreichische Exilregierung“ und deren „Regierungs-Zeitschrift“, „Die Schastrommel“.

Brus-Mühl-Aktion an der Uni

APA/ Otto Breicha

1968 kam es zu einer der berühmtesten Aktionen, die als „Uni-Ferkelei“ bezeichnet wurde

Es gab noch eine Aktion in München - für Anni Brus der Schlussstrich: „Die Zerreißprobe - das war eigentlich schon schwere Verletzung. Das hätte auch schief gehen können. Und da war mir klar, dass ich das nicht mehr will. Wir sind dann nach Spanien gefahren und haben uns dort sehr gut und ausführlich unterhalten - und da war mir klar, dass wenn er es noch will, ich nicht mehr dabei bin.“

„Mir ist klar geworden, das ist alles Quatsch“

Der Druck, sich nicht zu wiederholen, hätte die Verletzungsspirale nach oben getrieben: „Es existieren noch ein paar lockere Skizzen. Aber mir ist dann klar geworden, das ist alles Quatsch - das geht nicht. Wir haben eine Familie, eine Tochter, die damals noch klein war“, erklärt Günter Brus.

Günter Brus in Berlin

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Seine Familie brachte Brus dazu, der Verletzungsspirale zu entfliehen

1976 konnte Anna Brus beim Bundespräsidenten bewirken, dass die Haftstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt wurde - 1979 kehrte Brus dann nach Österreich zurück.

Nach Aktionismus kam Zeichnen und Schreiben

Nach der Abwendung vom Aktionismus folgte die Mappe „Irrwisch“ (1970 - 1972), und von da an stand die Zeichnung - und vor allem seine Bilddichtung-Zyklen - im Mittelpunkt seines Schaffens. Brus war auf den wichtigsten internationalen Kunst-Ausstellungen wie der documenta (1982 und 1992) oder der Biennale Venedig (1980) vertreten. Als Bühnenbildner stattete er u.a. die Gerhard Roth-Uraufführung „Erinnerungen an die Menschheit“ beim steirischen herbst 1985 aus, aber auch Arnold Schönbergs „Erwartung“ und Leos Janaceks „Das schlaue Füchslein“.

Günter Brus zeichnet als Autor unter anderem für den Roman „Die Geheimnisträger“ (1982), die Kurzprosa-Sammlung „Amor und Amok“ (1987) sowie die „Schmähmoiren“, „Die gute alte Zeit“ (2002) und „Das gute alte Wien“ (2007), einen fantastisch-albtraumhaften Rückblick auf seine Wiener Jahre, verantwortlich. 2010 kam dann „Das gute alte West-Berlin“ dazu, ein Betrachtung der Zeit in Deutschland.

Ein eigenes Museum

Günter Brus ist der einzige steirische Künstler, dem schon zu Lebzeiten von öffentlicher Hand ein eigenes Museum eingerichtet wurde.

Brus’ kritischer Rück- und Ausblick

Höhen und Tiefen haben Brus und seine Frau jedenfalls durchschritten - und im Rückblick „gab es vor allem starke Tiefen, das muss man schon sagen. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und wollte es immer schaffen, habe immer weitergetrieben und weitergetrieben. Ich wollte nie aufgeben“, so Anni Brus. Und dank ihr ist sich ihr Mann sicher, hat er das auch nicht getan: „Ohne ihre Mithilfe wäre das überhaupt nie gelungen. Alle anderen Kollegen hatten in der Zeit Scheidungsprobleme zu bewältigen.“

Sendungshinweis:

„Der Tag in der Steiermark“, 27.9.2018

Günter Brus, im heurigen Gedenkjahr 1938 geboren, sieht in einem Rückblick grundsätzlich die richtigen politischen und gesellschaftlichen Lehren gezogen: „Es ist ja dann gleich der Übergang von einer stockkonservativen katholisch orientierten Regierung zur Kreisky-Regierung gekommen - und damit war schon ein Schwerpunkt gesetzt, von wo aus es weitere Verbesserungen - mit Rückfällen von der rechten Flanke aus gesehen - gab. Sie waren bemerkbar unter Haider und könnten jetzt wieder bemerkbar werden. Ich jedenfalls scheue mich nicht zu sagen: Wenn es zu einem EU-Austritt käme, würde ich überlegen, ins Ausland zu gehen.“

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