Der Angeklagte am Dienstag, 26. Februar 2019, vor Beginn des Prozesses wegen des Verdachts des Quälens seiner Kinder am Grazer Landesgericht.
APA/ERWIN SCHERIAU
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Gericht

Kinder gequält: Oststeirischer Arzt verurteilt

Die Neuauflage des Prozesses gegen jenen oststeirischen Arzt, der jahrelang seine vier Kinder gequält haben soll, ist am Donnerstag mit einem Schuldspruch zu Ende gegangen. Das Urteil: vier Monate bedingte Haft und insgesamt 5.920 Euro Geldstrafe.

Das Urteil:

Der Arzt wurde zu einer bedingten Haftstrafe von vier Monaten und einer Geldstrafe von 1.920 Euro – 480 Tagsätze von je vier Euro – verurteilt, zusätzlich erhält jedes der vier Kinder 1.000 Euro. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

„Ich habe Sie nur dort verurteilt, wo ich mir sicher war, dass Sie schuldig sind“, betonte der Richter in seiner Urteilsbegründung – so wurde der Arzt etwa vom Vorwurf, eine seiner Töchter medikamentenabhängig gemacht zu haben, freigesprochen.

Richter: „Ich bin keine moralische Instanz“

Der Oststeirer wurde zwar wegen des Quälens seiner vier Kinder schuldig gesprochen, allerdings betraf das in erster Linie die Selbstmorddrohungen. Angeklagt war auch gewesen, dass die Kinder ihrem Vater Spritzen setzen mussten – diesen Tatbestand sah der Richter nur beim Sohn erfüllt. Die weiteren Selbstverletzungen wie der oft zitierte Vorfall mit dem Schraubenzieher, den ihm eines der Kinder aus dem Bauch ziehen musste, sah der Richter nicht als strafbar an. „Ich bin keine moralische Instanz“, betonte er.

Aufsehenerregender Prozess

Nachdem es im ersten Prozess Ende 2017 einen umstrittenen Freispruch gegeben hatte, wurde im Rahmen der Prozessneuauflage seit Februar das Beziehungsdickicht der Arztfamilie erneut durchleuchtet, Abgründe zwischen Suiziddrohungen, Selbstverletzungen und Schuldzuweisungen thematisiert – mehr dazu in Prozess gegen Arzt: Tochter veröffentlicht Video (12.6.2019).

„Könnte drei Kriminalromane füllen“

Die Bilder aus der Vergangenheit der Familie ließen während der Prozesstage immer wieder Dämme brechen – ein Album der Abgründe, in dem dabei geblättert wurde. Bei der „Tour de Force“ im großen Schwurgerichtssaal des Grazer Straflandesgerichts meinte der Staatsanwalt, mit dem Fall könne man drei Kriminalromane füllen.

Die vier Kinder des angeklagten Arztes erzählten von quälenden Jahren mit dem Vater – dass sie etwa mit ansehen mussten, wie er sich einen Schraubenzieher in den Bauch stieß, eine Pistole an die Schläfe hielt, sich einen Strick um den Hals legte und immer wieder mit Suizid drohte; Medikamentencocktails soll er ihnen ebenso verabreicht haben wie verdorbenes Essen.

„Du hast mit Suizid gedroht“

Die Mutter und Ex-Frau traf sich indes mit Ex-Freundinnen und Ex-Angestellten des Arztes und filmte diese Treffen mit, um die Anschuldigungen zu untermauern – diese Videos gab es auch am Donnerstag im Gerichtssaal zu sehen: Die Anwälte der Kinder hatten erneut das Vorspielen von Videos und Audioaufnahmen beantragt. „Das ist alles widerrechtlich aufgenommen und nichts Neues“, sprach sich die Verteidigerin dagegen aus – gezeigt wurden die Aufnahmen trotzdem.

Zu sehen waren der Angeklagte und seine Ex-Frau bei Gesprächen über seinen psychischen Zustand, auch Telefonate waren zu hören. „Du hast mit Suizid gedroht, zwölf- oder 15-mal“, war die Stimme der Frau zu vernehmen. „Das ist das Allerschlimmste für mich. Immer, wenn ich gehen wollte, hast du angefangen“, warf sie ihm vor. Bei den Videos wurde deutlich, dass die Familie den Vater offenbar permanent überwacht und Beweise gesammelt hatte.

Finanzsituation erörtert

Außerdem wollte der Richter vom Angeklagten wissen, wie es um seine Finanzen steht: Der Mediziner hatte vor seiner Suspendierung – die nach wie vor aufrecht ist – ein monatliches Nettogehalt von 10.000 Euro angegeben, mittlerweile bekommt er nach eigener Aussage Notstandshilfe. Warum er auf seinen Immobilienbesitz keinen Zugriff hat, wurde nicht erörtert.

„Wenn so etwas für Kinder keine Qual ist, was dann?“

Der Staatsanwalt sprach dann in seinem Schlussplädoyer von einer „Chronologie des gänzlichen Versagens von Eltern“: Die Kinder bezeichnete er als „absolut glaubwürdig“, auch der Gutachter habe „ihr Leiden klar und schlüssig“ dargelegt. Der Angeklagte habe seine Familie „jahrelang mit seinem theatralischen Verhalten unter Druck gesetzt“, befand der Ankläger.

„Uns interessieren hier nicht die verschimmelte Marmelade oder der abgelaufene Mozzarella, sondern die Suiziddrohungen, die Selbstverletzungen und die verbalen Drohungen gegenüber den unmündigen Kindern“, betonte der Staatsanwalt: „Wenn so etwas für Kinder keine Qual ist, was dann?“, gab er zu bedenken. Das Verhalten des Arztes habe dazu geführt, dass die Kinder dauerhaft traumatisiert seien.

„So ein Versagen muss man erst zusammenbringen“

Die Gutachterin attestierte dem Angeklagten im Laufe des Prozesses Zurechnungsfähigkeit, er habe aber „Persönlichkeitsakzentuierungen“: Es gehe ihm wie einem Kleinkind in allererster Linie darum, Beachtung zu erreichen – koste es, was es wolle. Das Verhalten des Arztes „diente nur dazu, andere zu manipulieren“, so der Staatsanwalt schließlich in seinem Schlussplädoyer, der aber auch die Mutter nicht aus der Verantwortung entließ: „So ein Versagen muss man erst zusammenbringen, wenn beide Eltern Ärzte sind.“

Der Arzt bekannte sich im Prozess nicht schuldig – außer im Anklagepunkt des unerlaubten Waffenbesitzes: Er habe nicht daran gedacht, dass seine Kinder sein Verhalten als Quälereien empfinden hätten können. Die Rechtsvertreter der Kinder wiederum kosteten im Verlauf die Möglichkeiten des Prozesswesens aus, indem sie Eingabe an Eingabe reihten und so vor allem die Geduld des Richters auf die Probe stellten – mehr dazu in Arztprozess: Neue Anträge und Vertagung (14.6.2019).

Bedingte Haft und Geldstrafe

Am Donnerstag wurde der Arzt nun zu einer bedingten Haftstrafe von vier Monaten und zu einer Geldstrafe von 1.920 Euro – 480 Tagsätze von je vier Euro – verurteilt, zusätzlich erhält jedes Kind 1.000 Euro. Das Urteil ist nicht rechtskräftig – der Angeklagte erbat Bedenkzeit, der Staatsanwalt gab keine Erklärung ab.