Menschen mit Masken
APA/AFP/Joe Klamar
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Coronavirus

Lockdown: Die nächsten Tage sind entscheidend

Die CoV-Infektionszahlen steigen weiter: In den vergangenen 24 Stunden gab es allein in der Steiermark mehr als 1.000 Neuinfektionen. Laut steirischen Experten zeige sich in den nächsten Tagen, ob der Teil-Lockdown tatsächlich greift.

Die Infektionszahlen seien besorgniserregend hoch, aus ihrer Sicht ist das am Tag zehn des Teil-Lockdowns aber wenig überraschend und nicht verwunderlich, sagt die steirische Landessanitätsdirektorin Ilse Groß. Die Infektionsdynamik reagiere träge auf Maßnahmen – ob sie wirken, werde sich am kommenden Wochenende zeigen: „Wenn die Zahlen nach dem Samstag und Sonntag, also ab dem Tag 12, 13 sich nicht in der Tendenz nach unten verändern, dann steuern wir auf eine wirklich kritische Situation zu. Es sollte zumindest zu einem Stillstand des Anstieges kommen, es kann sein, dass es ein paar Tage ein Plateau gibt, im Idealfall sollte die Tendenz fallend sein. Das wäre zu hoffen, und das ist natürlich auch das Ziel all dieser Maßnahmen“, so Groß.

Immer wieder hört man von Problemen rund um das elektronische Meldesystem – Nachmeldungen führen zu plötzlich höheren Zahlen. Das sei in der Steiermark aber eigentlich kein Thema, sagt Ilse Groß: Die steirischen Zahlen seien demnach nicht von Nachmeldungen verfälscht.

Halloween wirkt noch nach

Auch der Virologe Klaus Vander von der Med-Uni Graz sieht die nächsten Tage als entscheidend an: „Die meisten Prognosen gehen auch davon aus, dass so um den 17., 18. herum in einem Zusammenspiel von Lockdown und allen Faktoren es zu einer gewissen Stagnation kommen soll.“

Die derzeit hohe Zahl an Neuinfizierten führen sowohl Virologe Vander als auch Landessanitätsdirektorin Groß unter anderem auf viele Sozialkontakte rund um Halloween und vor dem Lockdown am 3. November zurück. Zudem werde die allgemeine Bereitschaft, auf soziale Kontakte zu verzichten, zunehmend geringer, sagt Vander, und „ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass durch die große Anzahl von Testungen natürlich eine zunehmende Anzahl von Personen als Positive detektiert werden und in Quarantäne gesetzt werden, die dann in ihrem familiären Verband häufig auch wieder Familienmitglieder anstecken. Es hat ja nicht jeder die Möglichkeit, plötzlich in einer Kellerwohnung oder in einem Einzelzimmer seine Quarantänezeit zu verbringen.“

Ob eine Verschärfung der Maßnahmen notwendig ist, wie aus der Bundesregierung schon angedeutet wurde, und welche Maßnahmen das sein könnten, dazu wollen die Experten am Donnerstag keine Empfehlungen abgeben. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) legte sich am Donnerstag jedenfalls noch nicht fest, ob die Regierung wegen der anhaltend hohen CoV-Neuinfektionszahlen weitere Schulschließungen verfügen könnte – mehr dazu in Anschober legt sich noch nicht fest (news.ORF.at). Zwar deuten erste Anzeichen an, dass der Teil-Lockdown die Zuwachsraten leicht abschwächt – ob er für eine Trendumkehr sorgen kann, hängt aber nicht zuletzt von der Disziplin der Bevölkerung ab – mehr dazu in Disziplin als große Unbekannte (news.ORF.at)

Nicht zu wenige Betten – eher zu wenig Personal

Mit Donnerstag wurde auch das 2019 geschlossene LKH Hörgas nahe Graz als Covid-Station wiedereröffnet. Dort sollen sich jene Coronavirus-Patienten erholen, die nicht mehr auf intensivmedizinische Betreuung angewiesen sind – mehr dazu in KAGes will Personal aufstocken.

Das Problem dürften aber nicht zu wenige Betten werden, sondern zu wenig Personal. Laut dem Vorsitzenden des Angestelltenbetriebsrats am Universitätsklinikum LKH Graz, Michael Tripolt, komme jetzt viel hoch, „wo man seit Jahren säumig war“. Er fordert vom Bund eine Perspektive für die Kolleginnen und Kollegen der unterschiedlichen Berufsgruppen und verweist auf die „Roadmap Gesundheit 2020“: Darin werden neben Sofortmaßnahmen auch die Ärzteausbildung oder auch eine „ehrliche Personalberechnung, die in allen Bundesländern gleich sein sollte“, angesprochen, so der Betriebsrat.

Fachgrenzen bereits seit dem Frühjahr aufgehoben

Die „Roadmap“ löse freilich nicht das akute Problem des Personalmangels. Besondere Herausforderung sei derzeit auch der Umstand, dass die Fachgrenzen seit dem Frühjahr aufgehoben sind – das heißt, dass etwa ein Dermatologe nun auch auf der Pulmologie arbeiten soll, obwohl er nicht darauf spezialisiert ist. Das werde etwa am LKH Graz mittlerweile auch praktiziert, denn um Kapazitäten für Covid-Patienten zu schaffen, wurde beispielsweise eine Station auf der Dermatologie geschlossen, um die Mitarbeiter auf Covid-Stationen einsetzen zu können.

Auch für das reaktivierte LKH Hörgas musste Personal gesucht werden. Die gesetzlichen Grundlagen würden es laut Tripolt erlauben, dass Mitarbeiter für bis zu drei Monate an einem anderen Dienstort zugeteilt werden können. Der Betriebsrat habe in diesem Zusammenhang zumindest kleine Erfolge erzielt: So sei etwa für die Mitarbeiter, die auf Covid-Stationen arbeiten müssen, die Pausenzeit verlängert worden. Dennoch sei die Situation für Personal in „fremden“ Bereichen natürlich „nicht perfekt“. Die Arbeit mit Infektionspatienten sei neben der Schutzausrüstung nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastend und oft auch überfordernd.

Nicht nur eine Frage des Geldes

Mit Prämien, über die bei der KAGes in den vergangenen Monaten schon viel diskutiert wurde, sei das nicht zu kompensieren. Wichtig sei laut Tripolt, dass das Arbeitsumfeld als Ganzes verbessert werde: Es müsse Signale geben, wohin es geht, um die Mitarbeiter zu motivieren. Er sieht da das Management in der Pflicht – das könnte viel „Unmut nehmen“.

Seitens der KAGes wurde am Donnerstag betont, dass „die wichtigste Ressource eines Krankenhauses“ die Mitarbeiter seien. Für die KAGes-Vorstände Karlheinz Tscheliessnigg und Ernst Fartek sei das besonders seit 2015 mit der Einführung des neuen Ärztearbeitszeitgesetzes und dem Personalmangel im Pflegebereich zentrales Thema. Klar sei aber auch, dass jede Krise Mangelsituationen verschärfe: „Wenn wir im patientennahen Bereich knapp an Personal sind, ist klar, dass sich das zuspitzt, wenn aktuell rund 1.200 Mitarbeiter im ‚normalen‘ Krankenstand sind und rund 400 Corona-bedingt fehlen, also an Covid erkrankt oder als Verdachtspersonen in Quarantäne sind.“

Auf der Suche nach „Manpower“

Die KAGes versuche daher, „Manpower“ zu lukrieren: „So tritt man aktuell an die mehr als 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Teilzeit mit dem Anliegen heran, das Beschäftigungsausmaß im persönlich möglichen Umfang freiwillig zu erhöhen. Ebenso werden in Karenz befindliche ärztliche und Pflegekräfte kontaktiert, in der Hoffnung, dass diese ihre Karenz, wenn möglich, unterbrechen. Erfreulich auch, dass sich bereits erste Mitarbeiter gemeldet haben, die auf Überstundenbasis an Covid-Hotspots in den LKH zusätzliche Dienste übernehmen“, hieß es in einer Aussendung am Donnerstag.