Gerhard Roth
APA/ROLAND SCHLAGER
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Kultur

Große Anteilnahme nach dem Tod von Gerhard Roth

Der Schriftsteller und Fotograf Gerhard Roth ist Dienstagabend im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer schweren Krankheit in Graz gestorben. Er hinterlässt ein Monumentalwerk, in dessen Zentrum die beiden Buchzyklen „Archive des Schweigens“ und „Orkus“ stehen.

„Keine Kompromisse eingehen“, sich nicht dem vermeintlichen, antizipierten Geschmack des Publikums anbiedern – diesen Rat hatte Roth für schreibenden Nachwuchs parat. Bei ihm selbst hieß das: Zeitgenossenschaft leben, diese von historischer, geistesgeschichtlicher Detailkenntnis durchdringen lassen, übergroß scheinende Vorhaben nicht als Größenwahn abtun – und dann trotzdem mit einer unglaublichen Lust am Geschichtenerzählen auf den Boden bringen – mehr dazu in Gerhard Roth ist tot (news.ORF.at).

Schriftsteller Gerhard Roth gestorben

Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth ist am Dienstag im Alter von 79 Jahren verstorben. Er war Träger des Staatspreises für Literatur und hinterlässt ein Monumentalwerk, in dessen Zentrum die beiden Buchzyklen „Archive des Schweigens“ und „Orkus“ stehen.

Ein großer und politischer Erzähler

Gerhard Roth war einer der großen, zugleich stets politischen Erzähler und Literaten Österreichs. Geboren wurde er am 24. Juni 1942 in Graz. Nach dem Willen seines Vaters, eines Arztes, studierte er ab 1961 in seiner Heimatstadt Medizin, brach das Studium jedoch 1967 ab. 1966 bis 1977 arbeitete er als Programmierer und Organisationsleiter im Grazer Computerrechenzentrum, um neben seiner literarischen Tätigkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ab den frühen 70er-Jahren veröffentlichte er experimentelle Prosa (etwa 1972 „die autobiographie des albert einstein“) und versuchte sich auch als Theaterautor („Lichtenberg“, „Sehnsucht“, „Dämmerung“).

Literarisches Archiv

Roths literarisches Archiv befindet sich bereits seit 2001 am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung an der Uni Graz, wo es auch wissenschaftlich bearbeitet wird. Die Sammlung umfasst Manuskripte und Korrespondenzen zu sämtlichen Werken des Autors als auch 30.000 Fotografien.

Monumentalwerk mit zahlreichen Zyklen

Ein großzügiger Vorschuss des S.Fischer Verlags ermöglichte es Roth, sich ganz auf die Arbeit an den „Archiven des Schweigens“ zu konzentrieren. 1980 erschien als erstes Buch „Der stille Ozean“ (eine Verfilmung durch Xaver Schwarzenberger errang 1983 den Silbernen Bären der Berlinale). Mittelpunkt des aus den unterschiedlichsten literarischen Gattungen zusammengesetzten Zyklus, in dem Fiktion und (auch fotografische) Dokumentation ineinanderfließen, ist das 1984 erschienene 800-Seiten-Buch „Landläufiger Tod“. 1991 wurde der Zyklus mit „Die Geschichte der Dunkelheit“ abgeschlossen.

Mit „Der See“, dem Auftakt-Roman seines Zyklus „Orkus“, sorgte Roth 1995 für Aufregung in den Reihen der FPÖ, die in einem populistischen Politiker, auf den beinahe ein Attentat verübt wird, ihren damaligen Parteiobmann Jörg Haider wiedererkannte. Danach erweiterte Roth mit „Der Plan“ (1998) und „Der Berg“ (2000), „Der Strom“ (2002) und „Das Labyrinth“ (2005) seine Schauplätze um Japan, Griechenland, den Balkan, Ägypten, Wien, Madeira und Madrid. Es folgte der Essay-Band „Die Stadt“, „Das Alphabet der Zeit“ und schließlich 2011 mit „Orkus. Reise zu den Toten“ ein großer Abschlussband, in dem Figuren und Motive aus beiden Zyklen verwoben, Erfundenes und Gefundenes, Dokumentarisches, Essayistisches und Fiktionales verschmolzen wurden.

Gerhard Roth
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In seinem Band „Portraits“ wurden Essays versammelt, die Roth im Laufe der Jahrzehnte über Künstler und Politiker, Kollegen und Zeitgenossen schrieb, in dem Fotobuch „Im Irrgarten der Bilder“ erschien eine Auswahl seiner Fotos der Gugginger Künstler. 2014 fügte er seinem Oeuvre mit dem Roman „Grundriss eines Rätsels“ ein weiteres gewichtiges Werk hinzu.

Großer Sehnsuchtsort Venedig

Vor allem mit der italienischen Lagunenstadt Venedig verband Roth seit Kindheitstagen eine große Liebe. So begann er schließlich 2017 mit „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“ eine Venedig-Romantrilogie, die er mit „Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier“ (2019) fortführte und schließlich im Februar des Vorjahres mit „Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe“ abschloss.

„Venedig. Ein Spiegelbild der Menschheit“

Dazwischen widmete Roth seinem Sehnsuchtsort einen Bildband, in dem sich seine Leidenschaft für die Fotografie, das Schreiben und seine Liebe zur Lagunenstadt mischten. Gernot Rath sprach zum Erscheinen des Buches „Venedig. Ein Spiegelbild der Menschheit“ Ende 2020 mit Gerhard Roth.

Für sein schriftstellerisches Werk wie auch für seine in Reportagen, Essays und Interviews eingenommene klare politische Haltung wurde Gerhard Roth vielfach ausgezeichnet: So erhielt er etwa den Bruno-Kreisky-Preis (2003), den Jakob-Wassermann-Preis (2012) und den Jean-Paul-Preis (2015).

„Eichmeister der österreichischen Wirklichkeit“

„Gerhard Roth hat eine Art von Herzensbildung, die gar nicht anders kann, als Anteil zu nehmen an der körperlichen und geistigen Not anderer“, sagte etwa Laudator Andre Heller 2003 bei der Verleihung des „Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien“ an Roth, der ein „Eichmeister der österreichischen Wirklichkeit“ sei.

„Das Schweigen der Lämmer, und sei es noch so friedlich, kann nicht der Maßstab für die Grenzen der Toleranz sein“, meinte Roth selbst anlässlich der Verleihung des Toleranz-Preises des österreichischen Buchhandels 1994.

Staatspreis als „Versöhungsgeste“

2016 bekam Roth den Großen Österreichischen Staatspreis: Der Kunstsenat – in den er im Vorjahr dann selbst aufgenommen wurde – würdigte Roth damals in einer Aussendung als „einen der bedeutendsten und international bekanntesten österreichischen Schriftsteller“. Laudator Peter Stephan Jungk sagte: „Gerhard Roth ist ein Besessener im besten Sinne, er folgt der Magnetspur der Inspiration.“

Roth selbst wiederum sah die Auszeichnung auch als „eine Versöhnungsgeste“: „Ich habe ja lange Zeit sehr harte Kritiken in Österreich bekommen. Aber jetzt freue ich mich, dass das zu einem Ende gefunden hat.“

Die schmerzliche Leere am Präsidententisch

Seine späten Jahre waren nicht zuletzt auch geprägt vom Kulturzentrum Greith-Haus, das auf seine Initiative hin nahe seinem Bauernhof gebaut wurde und von einem Verein betrieben wird. Neben zahlreichen anderen Künstlern wurden dort immer wieder auch Ausstellungen der Fotografien von Roth gezeigt – so wurde das Greith-Haus nicht nur zu einem Kulturzentrum in der Region, sondern auch zu einem späten Zentrum seiner Welt.

Roth war stolz auf das Greith-Haus, so wie er stolz war auf sein Werk, seine Familie – und auf seinen Ehrenplatz am Präsidententisch von Sturm Graz, „seinem“ Verein, bei dessen Spielen er über 70 Jahre lang mitfieberte. Nicht nur dort wird sein Platz eine schmerzliche Leere hinterlassen.

Große Anteilnahme

Die Trauer und Betroffenheit über den Tod des Ausnahmeautors ist groß. Bundespräsident Alexander van der Bellen würdigt Gerhard Roth als „mutige und kluge Stimme, die für ein weltoffenes, solidarisches und friedliches Österreich eingetreten ist“.

„Ich war mit Gerhard Roth durch eine enge Freundschaft verbunden, auch wenn ich seine politischen Ansichten nicht immer teilte“, so Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) in einer ersten Reaktion: „Die Steiermark verliert einen sorgfältigst Wahrnehmenden und literarisch Schenkenden, dem wir Beschenkte zu großem Dank verpflichtet sind. Ich verneige mich vor einem großen Literaten und liebevollen Betrachter der Menschen.“

Auch Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) würdigte den Grazer Schriftsteller: „Politisch galt er manchen als unbequem, umso wichtiger war er für Österreich und das Nachdenken über unser Land. Seine beiden Romanzyklen ‚Die Archive des Schweigens‘ und ‚Orkus‘ sind zwei literarische Kontinente, durch die wir noch lange reisen werden und immer wieder Neues über uns und unsere Geschichte lernen und erfahren werden. Mit ihm verlieren wir einen unserer besten Autoren, er wird Österreich sehr fehlen.“

Trauer um Gerhard Roth

Bundespräsident Alexander van der Bellen würdigte den Verstorbenen als „mutige und kluge Stimme“. Für Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer war Roth ein „liebevoller Betrachter der Menschen“.

Klaus Kastberger, der Leiter des Literaturhauses Graz, bezeichnete Gerhard Roth ebenfalls als scharfen Beobachter der österreichischen Verhältnisse, der stets auch übergeordneten Werten der Verständigung und der Solidarität verpflichtet gewesen sei: „Seine großen Romane und Romanzyklen bilden ein breites Panorama einer Prosa der angespannten Aufmerksamkeit. Gerhard Roths Bücher werden uns in ihrer ungeheuren Detailfülle in Erinnerung bleiben. Sie zählen zum Kernbestand der österreichischen und europäischen Literatur.“

Auch die IG Autorinnen Autoren zeigte sich am Mittwoch tief betroffen: Roth habe „nicht nur ein Monumentalromanwerk hinterlassen, er gehört auch zum engsten Kreis derjenigen Autoren, die Graz in den 1970er Jahren zur ‚heimlichen Literaturhauptstadt‘ oder auch ‚unheimlichen Literaturhauptstadt‘ gemacht haben“, so Gerhard Ruiss. „Er war ein Autor, der sich sowohl der Engstirnigkeit als auch allen nationalistischen Strömungen mit aller Entschiedenheit entgegenstellte, er ist unbeirrbar für eine offenere Welt im Kleinsten wie im Größten eingetreten.“