Das Orchester zeigte, dass es mit seinem langjährigen Leiter blind harmoniert und kleinste Facetten wunschgemäß umsetzten kann. Zu hören war Bruckners neunte Symphonie, die Thielemann gewaltig aufrauschende Werk mit einer tiefen Innigkeit inszenierte.
Thielemann bewies „Geschlossenheit der Unvollendeten“
Christian Thielemann ist seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, die unter seiner Stabführung erstmals in Graz zu hören war. Auf dem Programm stand Bruckners letzte Symphonie, jenes Werk, das er unvollendet zurücklassen musste. Dass dieses Stück aber durchaus etwas Geschlossenes hat, bewies Thielemann mit seiner Interpretation, die weder durchschlagende noch zarte Töne vermissen ließ und einen ergreifenden Bogen vom dunklen Pulsieren des Beginns bis zu den erlösenden Streicher- und Hörnerklängen am Ende spannte. „Es fängt langsam an und ebbt langsam ab. Das macht es einem leichter, als wenn es womöglich sehr erregt beginnen würde und man denkt – oh, hier fehlt etwas. Sie haben gar nicht so das Gefühl, dass etwas fehlt.“

Der erste Satz umreißt schon die ganze Bandbreite von hauchfeinen Streichertönen bis zu wuchtigem Blech und machtvollem Schlagwerk. Trotzdem verlor sich Thielemann nie in machtvollem Getöse, sondern zeigt eine gezähmte Kraft. Abgründe werden sichtbar, aber der Blick verliert sich nicht in ihnen.
Scharfkantige Klänge versetzen Publikum in Stille
Die gewaltigen Ausbrüche im zweiten Satz wurden beeindruckend gestaltet, da war kein undefinierbares Poltern zu hören, sondern scharfkantige Klänge, die eigentlich erst vom dritten Satz samt seinem ergreifenden Adagio kalmiert wurden. Die schwebenden Abschiedsmomente am Ende ließen in ihrer großartigen Gestaltung das Publikum in berührender Stille zurück – ein Moment, der einmal mehr bewies, wie absolut unersetzlich Live-Konzerte sind und wie sehr diese während der diversen Lockdowns vermisst wurden.

Das nächste Highlight im Grazer Musikverein steht bereits unmittelbar bevor: Asmik Grigorian wird sich am 3. Juni zu einem Konzert einfinden. Die litauische Sopranistin, die seit ihrer Salzburger „Salome“ 2018 unter Franz Welser-Möst zu den Stars ihres Fachs zählt, wird in der Begleitung von Lukas Geniusas Lieder von Sergej Rachmaninow singen.
Bruckner auch in den nächsten Jahren im Musikverein
Bruckner spielt immer eine große Rolle im Musikverein, aber ganz besonders jetzt im Hinblick auf das herrannahende Bruckner Jahr, sagt Michael Nemeth vom Musikverein für Steiermark. 2024 nämlich wird Bruckners 200. Geburtstag gefeiert – Grund genug für einen großen Bruckner-Zyklus im Musikerverein für Steiermark.