Haus in Stiwoll
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Chronik

Fünf Jahre nach Stiwoll: „Hinweise werden weniger“

Fünf Jahre nach den Todesschüssen von Stiwoll am 29. Oktober 2017 gibt es immer noch keine Spur von mutmaßlichen Schützen Friedrich Felzmann – und die Hinweise werden laut Polizei immer weniger.

Am 29. Oktober 2017 hatte der damals 66-jährige Friedrich Felzmann nach einem jahrelangen Rechtsstreit mit einem Gewehr mehrere Schüsse auf Nachbarn abgegeben – dabei tötete er eine Frau und einen Mann, eine weitere Frau wurde schwer verletzt. Dann flüchtete er mit einem Kleinbus, den er später in einem nahen Waldstück abstellte.

Hunderte Einsatzkräfte und Spezialisten verschiedenster Polizeieinheiten aus ganz Österreich fahndeten damals, vom Tatverdächtigen selbst verlor sich von da an die Spur.

Nicht mehr auf „Europe’s Most Wanted“-Liste

Auf der „Europe’s Most Wanted“-Liste von Europol rangiert Felzmann nicht mehr, „dessen“ Platz hat Josef Martin Schnabel eingenommen, neben „Dauerbrenner“ Tibor Foco. Diese beiden zieren auch die Liste Austria’s Most Wanted Persons, nur in der Kategorie „Personenfahndung nach Straftätern“ des Bundeskriminalamtes (BK) scheint Felzmann noch auf. 5.000 Euro sind auf Hinweise, die zu seiner Ergreifung führen, ausgelobt.

Fotostrecke mit 8 Bildern

Die Suche der Polizei nach dem 66-jährigen Steirer
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Ein Großaufgebot der Polizei suchte 2017 nach dem Schützen
Die Suche der Polizei nach einem 66-jährigen Steirer
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Auch gepanzerte Fahrzeuge waren im Einsatz
Ein gepanzertes Fahrzeug der Polizei in Stiwoll
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Gepanzertes Fahrzeug in Stiwoll
Die Suche der Polizei nach dem 66-jährigen Steirer.
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Die Wälder rund um Stiwoll wurden durchkämmt
Die Suche der Polizei nach einem 66-jährigen Steirer
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Die Suche gestaltete sich schwierig
Das Fahrzeug des mutmaßlichen Schützen von Stiwoll
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Gefunden wurde nur das Auto des damals 66-Jährigen
Die Suche der Polizei nach einem 66-jährigen Steirer
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Polizisten vor dem Gemeindeamt in Stiwoll
Die Suche der Polizei nach einem 66-jährigen Steirer
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Gepanzertes Fahrzeug am Rand von Stiwoll

Sehr wahrscheinlich scheint die Ausbezahlung der Summe nicht mehr. Möglich wäre, dass der Gesuchte für tot erklärt werden könnte. „Das würde nach dem Toderklärungsgesetz von 1950 ablaufen“, erläuterte der steirische Landespolizeidirektor und Jurist Gerald Ortner, einen entsprechenden Antrag müssten die Angehörigen stellen.

Manche fürchten Rückkehr

Heute sei der Ort zur Ruhe gekommen, hieß es bei einem Lokalaugenschein des ORF Steiermark. Nur wenige Ortsbewohner fürchten noch die Rückkehr von Felzmann. Sein älterer Bruder etwa hat Überwachungskameras an seinem Haus montiert.

Erst wenn der Täter gefunden ist, könne er abschließen, erzählte Eduard Hausegger, Ehemann eines Opfers: „Für alle wäre es leichter. Man weiß nicht, ob er nicht irgendwo auftaucht. Das vergisst man nicht mehr“.

Videomaterial zeigt Friedrich Felzmann
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Gerichtspsychologe: Wohl nicht mehr am Leben

Könnte sich Felzmann nach seiner Flucht ins Ausland abgesetzt haben, wie manche im Ort meinen? „Wir haben natürlich sämtliche Möglichkeiten auch in diese Richtung hin ausgeschöpft. Wir haben auch keine Geldflüsse feststellen können. Und auch die Befragungen seiner Gattin und von Verwandten lassen nicht darauf schließen, dass er sich mit einem großen Geldbetrag seine Flucht angetreten hat“, so Chefinspektor Harald Winkler von der Gruppe Leib/Leben in der Landespolizeidirektion Steiermark

Felzmann hatte sich selbst stets als Opfer der Justiz gesehen und lautstark öffentlich inszeniert. Würde er fünf Jahre schweigen Gerichtspsychiater Reinhard Haller hält es für wahrscheinlich, dass Felzmann nicht mehr am Leben ist: „Dafür, dass er tot ist, spricht einfach die Tatsache, dass er nicht erwischt worden ist. Das ist in der heutigen Zeit extrem schwierig, nicht entdeckt zu werden. Da wird man erpresst, da wird man verfolgt, da kann man am elektronischen Leben nicht teilnehmen“, so Haller.

Fall aus kriminalpolizeilicher Sicht abgeschlossen

Die Soko Friedrich wurde schon vor Jahren aufgelöst, berichtet Winkler. Aus kriminalpolizeilicher Sicht sei der Fall abgeschlossen, es habe am 14. Mai 2018, also rund sechs Monate nach der Tat einen Abschlussbericht an die Staatsanwaltschaft Graz gegeben. Das Verfahren sei also „abgebrochen“, könne aber bei entsprechenden neuen Erkenntnissen wieder aufgenommen werden.

Insgesamt 529 Hinweise eingegangen

Bis einschließlich 2022 langten insgesamt 529 Hinweise ein, 2018 waren es noch 118, 2019 schon nur noch 23. Heuer gingen bisher 18 Hinweise ein: Ein Zeuge etwa sagte, er habe Felzmann gesehen und auch Fotos gemacht, bei der näheren Überprüfung habe sich herausgestellt, dass die Person dem Gesuchten nur ähnlich sehe. Hinweise kamen auch bezüglich möglichen Sichtungen von Felzmann in den USA, Südamerika, Asien, Ungarn, Deutschland, Slowenien, Italien oder auch Litauen und Lettland – die Überprüfung habe aber keine neuen Spuren ergeben.

Laut Winkler seien auch immer wieder Hinweise von „Sehern“, Rutengängern und „Pendlern“ – also Menschen, die sich mit speziellen Orten und Menschen mittels Pendel befassen – gekommen. Manche würden auch ihre eigenen Theorien zum Verschwinden von Felzmann anbieten, inklusive Skizzen und Koordinaten, wo sich etwa sein Leichnam befinden könnte. Ortner zufolge habe dies ebenso wenig erbracht, wie diverse Nachsuchen mit Diensthunden – davon eine erst heuer – etwa in Hütten im Gleinalmgebiet nördlich von Stiwoll.

Stiwoll
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Landespolizeidirektor Ortner ergänzt: „Aus unserer Sicht ist die Tat geklärt, aufgrund der Spurenlage und der Aussagen, obwohl Felzmann noch nicht gefunden wurde.“ Aufgrund der Spurenlage und der Aussagen ist er der Verdächtige Nummer eins. Die Akte kann aber erst dann geschlossen werden, wenn er gefunden wird – oder sein Leichnam: Je länger er verschwunden bleibe, desto eher sei es natürlich wahrscheinlich, dass er nicht mehr am Leben sei.

Drohnen und bessere Infrastruktur

Die Lektionen, die man aus dem Einsatz gezogen habe? „Aus jedem größeren Einsatz werden entsprechende Schlüsse gezogen, aber es hat sich auch so seither viel im Innenministerium getan“, sagt Ortner. Polizeidrohnen seien damals erst in Einführung gewesen, mittlerweile gebe es bei der Landespolizeidirektion Steiermark zehn nachtflugtaugliche und mit mit Wärmebildsensorik ausgestattete Modelle, dazu 23 Piloten – dies würde etwa das Abfliegen von Waldstücken wie in der Gegend um Stiwoll heute ganz wesentlich erleichtern.

Zudem sei die Leitstellenstruktur verbessert worden: Neben der Landesleitzentrale im Gebäude in der Grazer Straßgangerstraße habe man nun auch eine Mobile Einsatzzentrale in einem Van – diese könnte die Funktion einer Leitstelle vor Ort übernehmen.

Die mobile Einsatzzentrale der Steirischen Polizei
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Die mobile Einsatzzentrale der Grazer Polizei

Damals, im Herbst 2017, musste erst eine Leitstelle vor Ort im Gemeindeamt von Stiwoll aufgebaut werden, der Einsatz wurde von der Bezirksleitstelle in Seiersberg bei Graz geführt, wenngleich, so Ortner, die Errichtung von Einsatzleitungen vor Ort wie eben in Stiwoll damals schon in Planung gewesen sei.

Größere Mannstärke, bessere Ausrüstung

Als drittes habe man die persönliche Ausrüstung für die Polizisten verbessert: Im schwierigen und unwegsamen Gelände war den Beamten alles abverlangt worden, als sie mit schweren ballistischen Schutzwesten nach dem mit seinem Gewehr verschwundenen Felzmann suchten – nun gebe es leichtere ballistische Gilets, und auch die Ausrüstung mit Langwaffen sei verbessert worden.

Organisatorisch könne man rascher auf größere Mannstärken für Fahndung und Sicherungstätigkeit zugreifen, mit den Bereitschaftseinheiten, den Schnellen Interventionsgruppen (SIG), der Einsatzeinheit und dem Einsatzkommando Cobra. „Ich traue mich zu sagen, dass heute eine Flucht wie damals von Felzmann schwieriger wäre“, so Ortner.

„Da ist uns nichts zu blöd“

„Grundsätzlich sind wir für jeden Hinweis dankbar“, sagt Ermittler Winkler, „da ist uns nichts zu blöd, dass wir es nicht überprüfen würden“. Das gelte auch für andere Fahndungen. „Wichtig ist, dass uns Beobachtungen zeitnah mitgeteilt werden, darum bitten wir“, nennt der Chefinspektor die Notrufnummer 133 als Ansprechstelle. Manchmal würden Menschen nach Wochen aus dem Urlaub zurückkommen und die Polizei erst dann über Beobachtungen informieren – da gehe vielleicht wertvolle Zeit verloren.

„Aber wie es ist, ist es“

Ob einen der Fall Felzmann gedanklich oft begleite? „Selbstverständlich hat man das immer irgendwie im Hinterkopf“, antwortet Winkler. Mit dem Bericht an die Staatsanwaltschaft sei die Sache ja nicht zu Ende. „529 Hinweise, da wird man immer, bei jedem einzelnen, erinnert. Ich persönlich wünschte mir, Felzmann zu dem Geschehenen vernehmen zu können. Aber wie es ist, ist es.“