Roller vor einem Kindergarten
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Chronik

Missbrauch: Kindern mit Ruhe begegnen

Nachdem bekanntgeworden ist, dass es in Grazer Kindergärten mehrere minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch gibt, raten Psychologen zu einem ruhigen Umgang mit dem Thema. Wollten Eltern herausfinden, ob auch ihre Kinder betroffen sind, seien wenige, behutsame Fragen angebracht.

Seit Anfang Oktober laufen die Ermittlungen von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft Graz, nachdem sich ein minderjähriges Kind eines Grazer Kindergartens der eigenen Mutter anvertraut hatte – mehr dazu in Missbrauchsverdacht in Grazer Kindergarten (15.10.2022).

Der Verdacht hat sich mittlerweile auf einen weiteren Kindergartenstandort ausgeweitet, in dem der Verdächtige ebenso tätig war. Eine Kontaktstelle wurde eingerichtet – mehr dazu in Missbrauch in Kindergarten: Sieben mögliche Opfer (23.11.2022).

Verhaltensmuster beobachten

Es gäbe nicht die eine spezifische Reaktion, von der man einen eindeutigen Rückschluss auf einen sexuellen Übergriff ziehen könne, so die Kinderpsychologin Helene Mayer-Baumgartner. Sollte es aber bei Kleinkindern tatsächlich zu einem sexuellen Übergriff gekommen sein, so könnten diese mit einer Vielzahl an Verhaltensmustern reagieren.

„Rückzugsverhalten, Weinerlichkeit, sehr ruhig sein plötzlich. Aber es können auch ganz andere Symptome auftreten, wie zum Beispiel ein Leistungsabfall oder Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme. Oder auch aggressives Verhalten. Sogar sexualisierte Verhaltensweisen sind ein unspezifisches Symptom und können nicht eindeutig mit einem Missbrauch in Zusammenhang gebracht werden“, sagt Mayer-Baumgartner.

Hilfe bei Profis suchen

In jedem Fall sollten Eltern aufmerksam sein, wenn sie eine eindeutige, plötzliche Veränderung im Verhalten oder der Persönlichkeit ihres Kindes beobachten, sagt Kinderpsychologe Martin Mayerhofer. „Bei solchen Warnhinweisen sollte man auf jeden Fall mit Professionisten, insbesondere mit erfahrenen, klinischen Psychologen bzw. Gesundheitspsychologen und der Exekutive in Kontakt treten.“

Kontaktstellen für Betroffene

Polizei Plüddemanngasse
059133/6591

Bildungsabteilung
0316/872-7427

Sowohl Mayerhofer als auch Mayer-Baumgartner bekräftigen, dass die Sorge von Eltern in einer solchen Situation mehr als verständlich sei. Zu viele Gespräche und Nachfragen wären aber oftmals kontraproduktiv für weitere, mögliche Ermittlungen, Aussagen des Kindes und auch mögliche therapeutische Maßnahmen. Allgemein rät man, vor allem jetzt, wo das Thema durch aktuelle mögliche Vorfälle sehr präsent sei, zu größtmöglicher Ruhe.

Behutsame Gespräche ohne Druck

„Das erscheint mir besonders wesentlich, dass die Eltern nicht beginnen, jetzt die Kinder zu stark zu befragen oder mit den Kindern diese Thematik zu besprechen, weil sich dadurch möglicherweise auch Erinnerungen verändern können bzw. diese später verfälscht wiedergegeben werden“, sagt Mayerhofer.

Die Entwicklungspsychologie gehe davon aus, dass Kinder ab dem vierten Geburtstag in der Lage seien, erlebnisbasiert und nachvollziehbar zu berichten.