„Gastarbeiterinnen“-Leben im GrazMuseum

Die Ausstellung „Lebenswege“ im GrazMuseum stellt Alltags- und Arbeitserfahrungen von Arbeitsmigrantinnen aus Slowenien in den Mittelpunkt. Die Schau gibt Einblick in Neuanfänge und Integrationsbemühungen.

Sendungshinweis:

„Der Tag in der Steiermark“, 15.12.2015

In den 60er-Jahren machten sich viele Frauen aus dem damaligen Jugoslawien auf den Weg, um in der Steiermark ihr Geld zu verdienen. Sie kamen in Tourismusbetrieben und Gaststätten in der Obersteiermark ebenso unter wie in der Industrie, Spitälern oder Haushalten im Raum Graz. Den Erfahrungen der „Gastarbeiterinnen“ aus Slowenien geht die Ausstellung „Lebenswege“ im GrazMuseum nach.

Foto aus der Ausstellung
GrazMuseum

„Gast“ auf Dauer

Im wirtschaftlichen Aufschwung Österreichs ab den späten 50er-Jahren konnte die benötigte Arbeitskraft nicht mehr alleine durch Österreicher gedeckt werden - seit 1961 wurden Kontingente von sogenannten „Gastarbeitern“ zugelassen. „Das Wort ‚Gast‘ verwies auf den kurzzeitigen Charakter dieser Anwerbepolitik“, schildert die Grazer Historikerin und Ausstellungskuratorin Verena Lorber beim Rundgang durch die kompakte Schau in der Gotischen Halle des GrazMuseum.

Laut den Volkszählungsdaten aus dem Jahr 1971 arbeiteten in diesem Jahr 7.333 Arbeitsmigranten in der Steiermark. 99 Prozent stammten aus Jugoslawien, der Rest aus der Türkei, wenige aus Spanien.

Flucht und Abenteuer

„Etwa ein Viertel der Gastarbeiter waren Frauen, die meisten stammten aus Slowenien, Kroatien und der Vojvodina“, betonte Lorber, die in einem Forschungsprojekt die Lebensumstände dieser Frauen in der Steiermark untersucht hat. Sie erhofften sich bessere Verdienstmöglichkeiten und mehr berufliche Perspektiven, wollten der engen Dorfgemeinschaft entfliehen oder waren einfach abenteuerlustig: In Österreich wurde ihre Arbeitskraft vor allem im Reinigungssektor und der Gastronomie gebraucht, auch gab es einen großen Bedarf an Krankenschwestern, wie in der Ausstellung dargelegt wird.

Einblick in den Lebensalltag

Der Besucher erfährt vom schwierigen Neubeginn der jungen Frauen, den Sprachproblemen, dem Heimweh und den beengten Wohnverhältnissen, die den Lebensalltag der Arbeitsmigrantinnen ausmachten. „Sie haben mir dort ein Zimmer zur Verfügung gestellt, und am nächsten Tag habe ich im Wirtshaus mit Kegelbahn angefangen zu arbeiten“, schilderte etwa eine der slowenischen Interviewpartnerinnen von Lorber ihre ersten Erfahrungen in der Steiermark.

Schwere Arbeit

Keine klar festgelegten Arbeitszeiten, geringe Bezahlung und teils schwere körperliche Arbeit prägten laut Lorber den Arbeitsalltag von fast allen jungen Frauen, die in den 60er- und 70er-Jahren den Schritt auf den österreichischen Arbeitsmarkt wagten. Nebenberuflich übten viele noch Reinigungs- und Versorgungsarbeiten in privaten Haushalten aus. Dennoch: Viele der Frauen kehrten nicht mehr - wie ursprünglich geplant - nach kurzem Arbeitsaufenthalt in ihre Herkunftsländer zurück: „Rund 80 Prozent sind geblieben“, weiß Lorber.

Die Ausstellung „Lebenswege - Slowenische ‚Gastarbeiterinnen‘ in der Steiermark“ ist bis zum 31. Jänner 2016 zu sehen.

Videointerviews

Beschrieben wird auch das Anwerbesystem von staatlicher Seite oder wie die medizinischen Untersuchungen vor Arbeitsantritt abliefen. Die Schautafeln der Ausstellung widmen sich aber auch der Freizeit: Man traf sich in kirchlichen Anlaufstellen oder im slowenischen Club. Einen wesentlichen Ausstellungsteil bilden die Videointerviews mit ehemaligen Arbeitsmigrantinnen, die in deutscher und slowenischer Sprache angesehen werden können.

Die Steiermark ist für slowenische Arbeitsmigranten nach wie vor ein wichtiges Ziel: Im Jahr 2014 waren insgesamt 10.760 slowenische Staatsbürger in der Steiermark beschäftigt, wie man in der Ausstellung ebenfalls erfährt.

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