Tartuffe lügt und verführt im Schauspielhaus Graz

1664 hat Theaterlegende Molière in Frankreich mit „Tartuffe“ einen Skandal ausgelöst: Heute scheint die Satire um einen hinterlistigen Verführer aktueller denn je - guter Stoff für das Schauspielhaus Graz.

Tartuffe im Schauspielhaus Graz
Lupi Spuma

Sendungshinweis:

„Der Tag in der Steiermark“, 7.12.2017

Es ist ein Comeback des Regisseurs Markus Bothe, der im vergangenen Jahr „Cyrano“ auf der Kasemattenbühne inszeniert hat - mehr dazu in Cyrano kämpft und liebt auf dem Schlossberg (6.6.2017). Mit Tartuffe schickt er diesmal einen krassen Gegensatz als Helden auf die Bühne: Der schmeichelhafte Gast nistet sich im Hause Orgon ein, inszeniert sich als moralisches Vorbild, verführt, hintergeht - und schafft es, bürgerliche Verblendung als auch religiöse Frömmelei für seine Zwecke auszunutzen.

Und während so mancher ihm schon bald auf die Schliche kommt, fressen ihm die anderen die Heuchelei aus der Hand: „Glauben sie dem Sohn - er hat ja mehr als Recht. Ich habe sie getäuscht - ich bin von Grund auf schlecht. Und eh er es sagt, sprech’ ich es selber aus: Sie müssen handeln, werfen sie mich aus dem Haus“, blufft Tartuffe etwa und schmiert Familienoberhaupt Orgon Honig um sein Maul.

Tartuffe als „Stück der Stunde“

Vollkommen verblendet lässt sich schließlich sogar die Ehefrau entreißen und obendrein das gesamte Vermögen abschwatzen: „Auf sie will ich mein Hab und Gut gleich überschreiben. Was sie als Freund und künftiger Schwiegersohn mir sind, ist mehr als Vater, Mutter, Frau und Kind“, fällt Orgon auf den Dauergast hinein.

Tartuffe im Schauspielhaus Graz
Lupi Spuma
Tartuffe (Pascal Goffin) verführt Orgons Frau Elmire (Henriette Blumenau)

Klingt für den Regisseur Markus Bothe nach gewohnten Klängen: „Auf eine Art und Weise ist Tartuffe das Stück der Stunde, wo sich viele Leute gerne etwas vormachen lassen, man fast belogen werden möchte - mit Fake News. Also, was ist denn noch Wahrheit? Was ist geheuchelt? Soll mir vorgelogen werden, dass jemand - ein Politiker - etwas total verändert?“

Serviert in goldglitzernder Abendrobe

Deswegen habe man versucht, ein Stück zu erzählen „über das Floß Europa, an dem man sich festklammert, wo man das eigene vergangene Glück verwaltet und sich paradoxerweise gleichzeitig nach Veränderung sehnt. Wir haben ja Gott sei Dank in Europa noch eine Phase des Friedens, der sich allerdings durchaus von außen bedroht anfühlt.“

Tartuffe im Schauspielhaus Graz
Lupi Spuma
Weißes Tischtuch, funkelnde Abendgarderobe - so das Bühnen- und Kostümkonzept von Alexandre Corazzola

In goldglitzernder Abendrobe serviert Regisseur Bothe Orgons Familie im Grazer Schauspielhaus auf einer überdimensionalen Tafel in den Fängen Tartuffes: Pascal Goffin gibt den Verführer als junger schöner Anzugträger - angelehnt an die Tartuffes unserer Zeit.

Spiegel mit Schieflage

Bothe betont: „Wir sehen vor allen Dingen eine total dysfunktionale Familie, wo keiner dem anderen mehr grün ist, jeder in seinem Saft gart - und durch diese Nicht-Kommunikation bringen die sich selbst in die Schieflage. Und wenn ich Leuten dabei zugucke, wie sie sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Schieflage bringen, lacht man darüber - obwohl man selbst eigentlich die gleichen Dummheiten begeht.“

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