Nazi-Lieder: Burschenschaften gehen auf Distanz

Steirische Burschenschaften wollen mit rechtsextremem Lied- und Gedankengut nichts zu tun haben. Historiker mahnen hingegen zur Vorsicht und sprechen von einem Rechtsruck bei den Burschenschaften.

Grund für die aufgeflammte Diskussion auch bei den steirischen Burschenschaften ist die hitzige Debatte in Niederösterreich: Der FPÖ-Spitzenkandidat zur dortigen Landtagswahl, Udo Landbauer, musste heftige Kritik einstecken, denn jene Burschenschaft, deren stellvertretender Vereinsobmann er ist, soll Nazi-Lieder gesungen haben - mehr dazu in „Falter“: Schwere Vorwürfe gegen Landbauer (noe.ORF.at, 23.1.2018).

Die Polizei führte inzwischen eine Hausdurchsuchung bei der Wiener Neustädter Burschenschaft Germania durch - dabei wurden 19 Liederbücher sichergestellt. Die Burschenschaft gab indes bekannt, dass der Verantwortliche identifiziert worden sei - mehr dazu in NS-Lied: Polizei hat Liederbücher beschlagnahmt (noe.ORF.at).

Kickl macht die Mauer, Kurz soll handeln

Die FPÖ hält Landbauer weiterhin die Treue: Am Donnerstag äußerte sich auch Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) zu dem Fall und nahm Landbauer in Schutz - mehr dazu in Opposition verweist auf Gewaltenteilung (news.ORF.at). In einem offenen Brief forderten unterdessen Unirektoren und -professoren Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) auf, sich von rechtsextremen Burschenschaften deutlich zu distanzieren - mehr dazu in „Normalisierung des Rechtsextremismus“ (news.ORF.at).

„Deutschnational“, aber kein braunes Gedankengut

Ein steirischer Burschenschafter öffnete für den ORF Steiermark die Tore zu seiner sogenannten „Bude“: Der Grazer Unfallchirurg und ehemalige Leiter der Rehab-Klinik Tobelbad, Gerd Korisek, ist sogenannter „alter Herr“ bei der Akademischen Burschenschaft Arminia, der ältesten Grazer Burschenschaft.

Korisek bezeichnet sich als deutschnational, mit Nazi-Gedankengut oder mit Antisemitismus habe das nichts zu tun: „Ich lehne das ab und glaube, dass jeder, der sich hier nur irgendwie ein bisschen in die Nähe rückt, von vornherein disqulifiziert.“

Im vereinseigenen Liederbuch sei das eine oder andere Lied zu finden, das auch bei der Deutschen Wehrmacht gesungen wurde, räumt Korisek ein, braunes Gedankengut sei aber keines dabei. Dass dennoch immer wieder Burschenschafter daran anstreifen? „Das sind sicherlich Provokationen, die eher bei jüngeren und noch nicht sehr reflektierten Menschen vorkommen“, so Korisek.

Historiker: Rechtsruck bemerkbar

Der Grazer Historiker Dieter Binder ist Experte für Burschenschaften und speziell auch für ihr Liedgut. Sind die in Niederösterreich gefundenen Texte verbreitetes Gedankengut? „Das, was hier an Liedtexten vorliegt, ist rechtsextrem und geschmacklos bis zum Exzess und widerlich, aber ob das jetzt exemplarisch für das gesamte Milieu zu gelten hat, wage ich zu bezweifeln“, so Binder.

Der Historiker ortet dennoch in den letzten Jahren einen Rechtsruck bei den Burschenschaften: „Es ist zu beobachten, dass seit Mitte der 90er-Jahre bei Aktivitäten - soweit sie an die Öffentlichkeit durchdringen - von jungen Mitgliedern hier ein etwas schärferer Ton ins Völkische eingeschlagen wird.“ Ob das rechtsextrem sei, müsse jetzt geprüft werden, so der Historiker weiter.

Auch der Grazer Historiker Stefan Karner fordert ein genaueres Hinschauen auf die Burschenschaften: Zu lange sei diesbezüglich nichts passiert, kritisiert er.

Stefan Karner im Gespräch mit Barbara Schieder

Viele Burschenschafter finden vor allem bei den Freiheitlichen ihre politische Heimat. Bei der Grazer FPÖ ist etwa Parteichef Mario Eustaccio Burschenschafter, Klubchef Armin Sippel ebenfalls - für ein Interview sah man am Donnerstag keinen Anlass: Mit den Vorfällen in Niederösterreich habe man nichts zu tun.