Die Briefe eines Frontsoldaten

Als ORF-Korrespondent Ernst Gelegs den Nachlass von „Tante Hansi“ sichtet, findet er einen unscheinbaren Karton mit fast 100 Briefen. Sie sind der Ausgangspunkt für eine Spursuche, deren Ergebnis er nun als Buch veröffentlichte.

Es sind fast 100 Briefe, die die Schwester Leonhard Wohlschlägers in einem Karton aufbewahrt hatte - in erster Linie Feldpost, die er im Zweiten Weltkrieg gschickt hat. Dem Journalisten Ernst Gelegs war schnell klar, dass es sich dabei um spannende Zeitdokumente handelt, und er begab sich auf Spurensuche.

"Liebe Mama, ich lebe noch!"
Kremayr & Scheriau

Leonhard Wohlschläger war der Sohn Jakob Wohlschlägers - und der war ein prominenter Architekt und Stadtpolitiker im Wien der Jahrhundertwende. Von diesem Namen profitierte der Sohn lange - auch nachdem der Stararchitekt längst bankrott war.

Die Geschichte eines „Hallodris“

Der laut Gelegs „Hallodri“ schaffte es so dank seines Namens, sich ein gutes Leben zu machen - das eine oder andere Mal auch auf nicht ganz legale Art und Weise. Bezeichnend ist hier etwa die Geschichte zu seiner Hochzeit: Als klar wurde, dass er als Soldat eingezogen wird, heiratete er schnell eine seiner Liebschaften, denn für verheiratete Soldaten im Kriegseinsatz gab es staatliche Beihilfen.

Bemerkenswert findet Ernst Gelegs auch den Inhalt mancher Briefe: „Ich habe mich ja gewundert, was er alles geschrieben hat, welchen Mut er hatte, weil es gab ja ganz strenge Zensurregeln - man durfte in den Feldpostbriefen nicht schreiben, wo man liegt, in welcher Einheit man ist, wer der Kommandant ist, das war alles strengstens verboten, und zwar so verboten, dass man dafür an die Wand gestellt wurde, wenn man sich nicht daran gehalten hat, und Leonhard Wohlschläger war da relativ furchtlos.“

„Man merkt die Nazi-Propaganda“

Viele Briefe gab er auch Kameraden mit, die nach Wien auf Heimaturlaub fuhren - und die wurden offensichtlich an der Zensur vorbeigeschmuggelt. Besonders erschütternd findet Gelegs vor allem, „wie sehr die Nazi-Propaganda in die Gehirne dieser jungen Menschen hineingefahren ist. Er hat in Briefen geschrieben, dass er es völlig versteht, dass man da in Russland alles niedermäht und die Leute umbringt, weil das sind Untermenschen, verlauste, verdreckte Menschen, und man kann sich gar nicht vorstellen, liebe Mama, wenn die unser schönes Wien einnehmen... da merkt man wirklich Nazi-Propaganda pur“.

Sendungshinweis:

„Guten Morgen Steiermark“, 17.3.2019

Andererseits wird in den Briefen aber klar, dass der Kampf des Soldaten Wohlschläger nicht so sehr dem sogenannten „Endsieg“ galt, sondern dem eigenen Überleben: So schreibt er unter anderem, dass er und seine Kameraden sich selbst Hühner und andere Leckerbissen besorgten, um den kargen Speiseplan an der Front im wahrsten Sinn des Wortes in Eigenregie aufzufetten. Außerdem bemühte er sich, für seine Frau, die Mutter und auch seine Schwester diverse Dinge zu besorgen, die es in Wien nicht oder nicht mehr gab.

Eingebettet in historische Zusammenhänge

Für das Buch „Liebe Mama, ich lebe noch!“ bettet Ernst Gelegs die Briefe in den historischen Zusammenhang: So erfährt der Leser, was in der Welt zu dem Zeitpunkt, als Leonhard Wohlschläger seiner „lieben Mama“ von seinen Erlebnissen und Nöten schreibt, tatsächlich geschah.

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