Hochdramatischer „Fidelio“ bei der styriarte

Mit seiner einzigen Oper - „Fidelio“ - hat Ludwig van Beethoven vor 200 Jahren ein Meisterwerk geschaffen. Wie erschreckend aktuell seine große Freiheits-Oper, zeigt die styriarte an diesem Wochenende in einer hochdramatischen Fassung.

Ein tyrannischer Herrscher, der politisch Unliebsame im Gefängnis hält. Und eine Frau in Männerkleidern, die ihren Mann aus diesem Kerker befreien will: Leonore alias Fidelio. Es ist eine Geschichte von Unterdrückung, Mut, Liebe und Hoffnung, die Beethoven komponiert hat.

"Fidelio"

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Gegen autoritäre Regime

Beethovens „Fidelio“ war schon zur Zeit seiner Entstehung vor rund 200 Jahren hochpolitisches Statement gegen Korruption und autoritäre Regime. Dass Ludwig van Beethovens (1770-1827) als Hohelied auf die eheliche Treue getarnte Freiheitsoper auch im Jahr 2018 als politischer Oppositionsschlüssel zu sperren vermag, bewies die styriarte am Freitagabend in der Grazer Helmut-List-Halle.

Videointerviews mit Flüchtlingen statt Dialoge

styriarte-Dramaturg Thomas Höft entschied sich bei seiner Inszenierung des viel gespielten Opernklassikers für eine Radikallösung. Er strich die schwierigen und hoffnungslos antiquierten Dialoge zur Gänze und ersetzte sie durch im Bühnenhintergrund eingespielte Videointerviews mit Flüchtlingen, die derzeit mit vakantem Status im Grazer Umland leben.Zusätzlich führte seine eigene Stimme als Erzähler durch die Handlung. Dabei verknüpfte er geschickt die Einzelschicksale mit der „Fidelio“-Handlung. Oft als langatmig verschrien, erhielt das an diesem Abend zweieinhalb Stunden dauernde Werk in einer de facto konzertanten Aufführung überraschende Kurzweil.

Einblick in heutige Geschichten von Folter und Flucht geben Video-Einspielungen von Menschen, die in Österreich Zuflucht gefunden haben.

Ganz aktuell, nur weiter weg

„Wir glauben in Österreich, das ist alles weit weg, das ist vor 200 Jahren gewesen, schlimm, aber das haben wir hinter uns. Und dann schauen wir ein paar hundert Kilometer weiter und da ist genau das, was Beethoven erlebt hat zu seiner Zeit, ganz aktuell“, so Höft. „Der Beethoven und unsere Gegenwart, die sind in einander verzahnt. Der redet zu uns heute und gibt Antworten für heute und Hoffnung für heute mit.“

„Nicht mehr Abendessen-Begleitprogamm“

„Dann wird die Musik eine andere Dimension haben und in der ganzen Bedrohlichkeit nicht mehr als Abendessens-Begleitprogramm erscheinen, sondern als etwas, das uns an die Gurgel geht und ins Herz greift“, sagte sytriarte-Intendant Mathis Huber.

Luftig dirigiert

Der kolumbianische Orchesterleiter Andres Orozco-Estrada holte am Premierenabend mit einem ausgesprochen luftigen Dirigat das Beste aus dem hochqualitativen Klangkörper des styriarte-Orchesters heraus. Die List-Halle stellte einmal mehr ihre gute Akustik unter Beweis. „Fidelio“ ist ein Herzenswunsch von Dirigent Andres Orozco-Estrada, stammt er doch aus Lateinamerika, wo Foltergefängnisse auch heute Realität sind.

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Beeindruckende Klangkulisse

Der aus Mitgliedern verschiedener Grazer Chöre und Hobbysängern und -sängerinnen mit Hintergrund aus 14 Nationen bunt zusammengewürfelte „Fidelio“-Chor lieferte bei den Finali der Akte jeweils eine beeindruckende Klangkulisse ab. Apropos Kulisse: die erübrigte sich angesichts der gewählten konzertanten Spielweise.

Spenden für Hilfsorganisationen

Das Publikum reagierte teils begeistert, teils verhalten auf die Aufführung. Um die Glaubwürdigkeit der Inszenierung zu unterstreichen, wurde im Foyer um Spenden für jene beiden regionalen Organisationen gebeten, die bei der Auswahl der präsentierten Einzelschicksale von Asylwerbern behilflich waren.

Rund 8.400 Euro befanden sich vor der Premiere bereits im Topf - gespeist von den mitwirkenden Künstlern, vor allem von Dirigent Orozco-Estrada. Aus dem Publikum wünscht man sich an den beiden Aufführungsabenden noch einmal so viel. Am 16. Juli soll das gesammelte Geld in der List-Halle den beiden Hilfsorganisationen übergeben werden.

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