Fenster einer Almhütte von außen mit geschlossenem Vorhang und offenen Balken
emons Verlag
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Die fabelhafte Welt der „MörderMitzi“

Maria Konstanze Schlager urlaubt in Kufstein – und dabei wird die auch „MörderMitzi“ genannte Frau Zeugin eines Mordes. Ein mysteriöser Fall, den Isabella Archan in ihrem neuen Roman „Die Alplen sehen und sterben“ beschreibt.

Normalerweise kennt man aus ihren Romanen eine andere Figur: die kriminalistisch begabte Zahnärztin Dr. Leocardia Kardiff – die hat Isabella Archan momentan aber in die Ruhepause geschickt. „Der Frau Dr. Kardiff geht es richtig, richtig gut, aber sie hat sich jetzt mal entschlossen, mit der Mörderjagd zu pausieren. Sie muss sich ja auch mal um die Patienten kümmern“, erklärt Archan.

Die Grazerin lebt seit etlichen Jahren in Köln, wo sie nicht nur in ihrem erlernten Beruf als Schauspielerin reüssiert, sondern sich auch als Krimiautorin einen Namen gemacht hat.

„Schau her, ein Liebespaar“

So auch mit ihrem neuen Kriminalroman „Die Alpen sehen und sterben“. Darin geht es um einen kaltblütigen Mord im idyllischen Kufstein. Die einzige Zeugin ist Mitzi, eine naive junge Frau: Ihre Eltern und ihren Bruder hat sie verloren, als sie noch ein Kind war, in der Schule bekam sie daher den Spitznamen „MörderMitzi“ verpasst. „Die hat doch Schuld, hat mein Papa gesagt. Und der weiß es“, sagt etwa ein Schulkollege. Seither ist sie schwer traumatisiert, eine Außenseiterin mit seelischen Wunden, die sich nur allzu gern in ihre Phantasiewelten flüchtet.

Eigentlich ist sie auf Urlaub in Tirol, will eines Nachts raus aus ihrem Ferienzimmer und kommt an einer Brücke vorbei – was sie dort beobachtet und schließlich der Inspektorin Agnes Kirschnagl erzählt, hört sich in Isabella Archans Text kurzgefasst so an: „Genau hier, wo wir jetzt stehen, waren zwei Männer. Einer hat den anderen gehalten. Ich hab’ gedacht, schau her, ein Liebespaar. Deshalb bin ich ganz langsam und ganz leise gegangen. Dann bin ich stehen geblieben, ich weiß nicht warum. In dem Moment hat der eine den anderen hochgehoben und über das Geländer geworfen. Stark war der. Und einen Cowboyhut hatte er auf. Solche gibt es zu kaufen, hab ich gestern gesehen. Ich hab gehört, wie es geplatscht hat. Im Wasser. Der Cowboy hat den Kopf gedreht und mich hier stehen sehen. Ich hab mich keinen Millimeter bewegt.“

Warum sie nicht geflüchtet sei, der Mann hätte sie doch angreifen können, da sie gerade Zeugin seiner Tat geworden war, fragt die Inspektorin Agnes Kirschnagl. „Hat er aber nicht. Er hat nur geschaut. Also, er hat mich angesehen. Meine ich zumindest. Wissen Sie, Agnes, durch den Hut hat die Laterne sein Gesicht nicht erhellen können. Es hat ganz schwarz ausgesehen. Es war gruselig. Eine Zeit lang ist nichts passiert, überhaupt nichts. Dann hat er seine Hand gehoben und mit dem Finger an die Krempe getippt, bevor er verschwunden ist“, antwortet Mitzi.

Von der Neben- zur Hauptfigur

Mitzi, eigentlich Maria Konstanze Schlager, ist keine unbekannte Figur von Isabella Archan: Bei ihren MordsTheaterLesungen, kleinen Theaterprogrammen zu ihren Krimis, tritt die Mitzi regelmäßig als Zugabenfigur auf. „Die hat sich ziemlich schnell auch bei den Zuhörern und Zuschauern zu einer Lieblingsfigur entwickelt“, sagt Archan. Wenn die Mitzi nicht in der ersten Hälfte aufgetreten sei, dann hätten die Zuhörer schon immer gefragt: „Wann kommt die Mitzi heute?“

Das Buchcover „Die Alpen sehen und sterben“ zeigt das Fenster einer Almhütte und die Holzwand
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Die Mitzi ist also wiedergekommen und das gleich als Hauptfigur im neuen Roman. Die Beobachtung, die sie da nachts am Inn gemacht hat, wirft sie zunächst aus der Bahn. Doch bald übt das Ganze eine düstere Faszination auf die junge Frau aus und sie kommt dem Täter immer näher. Und auch er findet immer größeren Gefallen an der „MörderMitzi“. Kann die ehrgeizige Inspektorin Agnes Kirschnagel, die mit der Aufklärung des Falls betraut ist, ihr trauen? Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Menschen sterben und das bringt Mitzi in eine Zwickmühle.

Ein Hauptkommissar mit Identitätsstörung

Blöderweise nimmt aber bei der Polizei niemand Mitzis Aussagen ernst – da hilft es auch nichts, dass sich Kriminalhauptkommissar außer Dienst Heinz Baldur einschaltet: Der leidet seit einem Autounfall und einem Mordversuch an ihm an einer dissoziativen Identitätsstörung und muss sich seither mit einem – nur für ihn sichtbaren – Begleiter herumärgern.

Sendungshinweis:

„Guten Morgen, Steiermark“, 16.6.2019

Eine Weile hätten er und Luis im Verborgenen nebeneinander existieren können, schreibt Isabella Archan. Doch Luis wurde immer dominanter, und so stand Hauptkommissar Baldur am Ende mit sich selbst debattierend im Großraumbüro des Polizeipräsidiums in Frankfurt – da war es vorbei mit dem Dienst. Die Charaktere, die Isabella Archan auftreten lässt, sind teilweise schräg und überzeichnet, und doch macht genau das ihren Charme aus. Archan flicht immer wieder österreichische Wörter ein. „Griaß di“ und „Pfiat di“, sagt der deutsche Tourist, „Servus“ der Mörder, der ein „Mann ohne Gfries“ ist.

„Dann denke ich: Das gibt es nicht“

Dass man den Mörder von Beginn an kennt, macht in diesem Fall wenig, denn das Zusammenspiel zwischen den Protagonisten, die auf sonderbare Weise miteinander verbunden sind, verleiht dem Buch Spannung – und es soll nicht nur bei einem Mord bleiben. In anderen Fällen ist aber auch für die Autorin selbst nicht immer ganz klar, wer für die Leichen verantwortlich ist. „Da habe ich schon meine Überraschungen erlebt“, sagt Archan über das Krimischreiben.

Meistens hat sie eine Grundidee, um die herum sie den Text „rankt“, aber das verändere sich beim Schreiben oft sehr. „Das ist sogar manchmal so, dass ich sitze und tippe und denke: Nein, das gibt es ja nicht, unglaublich“, so Archan. Manche Figuren würden einfach nicht sterben wollen, obwohl sie deren Tod schon geplant habe und andere machen überraschenderweise einen Abgang.

Inspirationen auf der Straße

Ihre Inspirationen holt sich die Schauspielerin und Autorin aus dem realen Leben. „Ich brauche nur zum Beispiel in Graz mit dem Bus oder mit der Straßenbahn fahren, sperre die Ohren auf und komme mit fünf Ideen nachhause, indem ich den Leuten zuhöre“, sagt sie. Da stoße man manchmal auf die absurdesten Geschichten. „Es ist ein Füllhorn an Ideen da. Ich hab manchmal Angst, dass ich es gar nicht mehr schaffe, das alles in Krimis zu packen“, meint Archan.

Ganz anders verhält sich Mitzi. Die taucht in ihre fabelhafte Phantasiewelt ab, ist nicht immer ganz ehrlich mit sich selbst und ihren Mitmenschen und verheddert sich in ihrer eigenen Geschichte und Mordversion. Wie sich die Beziehungen zwischen den Protagonisten schließlich entwickeln ist am besten selbst nachzulesen. Dann aber leise, denn Isabella Archan hat ihre Ohren immer gut gespitzt. Und wer weiß, was der Autorin als Stoff für den nächsten Krimi dient.